Cyankali

Ein Drama von Friedrich Wolf in der Tradition des deutschen Arbeiterfilms der Weimarer Republik

1929 hatte das Theaterstück „Cyankali“ des Arztes und Kommunisten Friedrich Wolf Premiere. Statt der Strafverfolgung bei Schwangerschaftsabbruch forderte er eine humane Gesetzgebung und trat für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ein. 1930 folgte die Filmversion von Hans Tintner, mehrfach verboten und schließlich von der Zensur freigegeben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschwand der Film aus den Kinos. 1933 mussten Autor wie Hauptdarstellerin emigrieren, der Regisseur wurde 1942 im Konzentrationslager Auschwitz vergast.
 
1977, fünf Jahre nach Einführung der Fristenregelung in der DDR, wurde das Stück für das Fernsehen mit hochkarätigen Darstellern neu inszeniert. Beide Werke sind auf der DVD-Edition vereint. Wie wenig das längst vergangene, dunkle Kapitel der Rechtsprechung Geschichte ist, zeigt ein Blick über unsere Landesgrenzen: Selbst in einigen Ländern der Europäischen Union ist es sehr reale Gegenwart.

DVD 1:

„Cyankali“
Deutschland 1930
Produktionsfirma: Atlantis-Film GmbH (Berlin)
Uraufführung: 23.05.1930, Berlin, Babylon
Regie: Hans Tintner
Darsteller: Herma Ford, Grete Mosheim, Nico Turoff, Margarete Kupfer, Claus Clausen Ludwig Andersen u.v.a.

Bonus (Audio):

„Cyankali“ von Friedrich Wolf und seine Wirkungsgeschichte
Rundfunk der DDR 1978
Erstsendung: 10.12.1978
Autorin: Emmi Wolf

DVD-Rom-Teil: Zensurdokumente, Schriftwechsel Friedrich Wolf – Hans Tintner u.a.

DVD 2:
„Cyankali“
Fernsehen der DDR 1977
Regie: Jurij Kramer
Darsteller: Renate Krößner, Jörg Panknin, Heinz Behrens, Ursula Braun, Annekathrin Bürger, Hermann Beyer, Marianne Wünscher  u.v.a.
Laufzeit ca. 58 Min.; s/w

Kapitel
„Ich bin schwanger!“
„…das Gesetz bindet uns Ärzten die Hände.“
„Ich bin ganz still, auch wenn’s weh tut.“
Die Engelmacherin
„Jawohl. Ich habe es getan!“

Bonus:
Mit einer TV-Diskussion zu Film und Thema (58 Min.):
Probleme und Gedanken. Eine Nachbetrachtung zu Friedrich Wolfs „Cyankali“
Fernsehen der DDR 1977, Erstsendung: 16.11.1977
Gastgeber: Karl-Heinz Gerstner
Gäste: Jurij Kramer (Regisseur des Fernsehspiels),
Ruth Konrad, Waltraud Giese, Evelyn Reinmann, Marlies Allendorf, Karin Rensner, Kurt Winter, Karl-Heinz Sauerteig (Arbeiterinnen, Journalistinnen, Ärzte)

DVD-Rom-Teil: Konzeptionen, Produktionsunterlagen, Auswertungen zum Fernsehfilm und zur Gesprächsrunde

Mit einem ausführlichen Booklet 2 DVDs; Preis: 24,99 €

Friedrich Wolf
23.12.1888 – 05.10.1953

Friedrich Wolf, Sohn jüdischer Eltern, studierte Medizin, Philosophie und Kunstgeschichte. Er promovierte 1913 in Bonn. Im Ersten Weltkrieg, mehrfach verwundet, wurde er zum entschiedenen Kriegsgegner und verweigerte 1918 den Dienst an der Waffe. Er war Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Dresden und war aktiv am sogenannten Ruhrkampf beteiligt. 1928, inzwischen Kassenarzt in Stuttgart, trat er der KPD und dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei. Im selben Jahr erschien seine bahnbrechende Schrift „Kunst ist Waffe“. Sein Drama „Cyankali“ löste 1929 eine gesellschaftliche Debatte um den Paragraphen 218 aus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie über Österreich und die Schweiz in die Sowjetunion. 1939 wurde er in Paris verhaftet und interniert. Mit sowjetischer Hilfe gelang ihm eine Rückkehr nach Moskau, wo er 1943 Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland wurde. 1945 kehrte Familie Wolf nach Deutschland zurück. Friedrich Wolf gehört zu den Gründern der DEFA, der deutschen Sektion des P.E.N. und der Akademie der Künste (Ost). Von 1949 bis 1951 war er erster Botschafter der DDR in Polen. Er wurde auf dem Zentralfriedhof Berlin Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt. Zu seinen Kindern gehören Markus und Konrad Wolf.

Hans Tintner
28.11.1894 – 28.09.1942

Zunächst war Tintner als Theaterschauspieler tätig, nach Ende des Ersten Weltkrieges wandte er sich in München dem Film zu, verfasste Drehbücher und inszenierte gelegentlich. In Berlin arbeitete er in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre als Pressechef für die Verleihfirma Deutsche Fox A.G. (Defa) und wurde später deren Direktor. Nach einigen Regiearbeiten 1929/1930, von denen „Cyankali“ die ambitionierteste und erfolgreichste war, verabschiedete er sich aus dem Filmgeschäft und kehrte in seine Heimat Österreich zurück. Nach dem sogenannten Anschluss floh Tintner nach Frankreich. Von den deutschen Besatzern wurde er dort inhaftiert und ins Konzentrationslager Auschwitz verbracht, wo er im September 1942 ermordet wurde.

Jurij Kramer
*28.06.1940

Jurij Kramer wurde in Moskau als Kind deutscher Emigranten geboren. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Jurij Kramer studierte an der Staatlichen Schauspielschule Berlin und gehörte den Theaterensembles in Greifswald und Halle an. Ab 1970 war er für den deutschen Fernsehfunk tätig, zunächst als Regieassistent, später als Regisseur. Als Schauspieler übernahm er parallel Rollen in Produktionen anderer Regisseure. Seit Beginn der 1990er Jahre ist er wieder ausschließlich als Darsteller tätig.

 

Pressestimmen
„Dieser Film macht jedes Kino zur Volksbühne“ (Film-Kurier)
„…durch den Schutt hindurch die Welt verändern, das ist unser Ziel, hierzu schreiben wir unsere „Rinnsteinstücke“, hierzu zeigen wir auch im Film unsere Wirklichkeit…“ (Friedrich Wolf)

Der Abend (Spätausgabe des „Vorwärts“), 24.5.1930
Der Film wird zu einer aufpeitschenden Anklage gegen ein unsinniges Gesetz und darüber hinaus zu einem Protest gegen eine altersschwach gewordene Gesellschaftsschicht. (…) Ein paar Bilder zerschundener Mietkasernen, verdeckter Treppenaufgänge sprechen lebhafter und ergreifender als dichterisch geformte Worte. (…) Überragend ist Grete Mosheim, die selten im Film eine derart erschütternde Leistung bot.

Tagwacht, 31.5.1930
Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Klassenjustiz werden als Motive klar herausgearbeitet. Eine scharfe, verbitterte Anklage ohne alle Vorbehalte und Kompromisse, wie sie die deutsche Produktion sonst für nötig erachtet.

Filmkurier, 24.5.1930
Dieser Film macht jedes Kino zur Volksbühne, er geht das Volk an, die Arbeitslosen von heute, die Geplagten und die Verarmten. (…)
Preisenswert, dass (…) dieser Film dort gezeigt wird, wo Berlin lebt und leidet, am Alexanderplatz. Diese (…) Arbeit ist kein Werk für den Westen. (…) seine Gestalten sind so plastisch aus dem Kleinbürgertum und Proletariat Berlins genommen, dabei menschlich, echt, ohne KPD-Akzent, ohne Linksromantik…
…die Mosheim, (…) das putzlose, prunklose Mädel von heute. Ihre Hete ist ein Geschenk ihrer Natur, der spröden, fast kalten, harmlosen Durchschnittsmenschlichkeit. Gerade die leuchtet so aus ihr. In jedem Schritt, in jedem Schrei, den das geplagte Mädel ausstößt, lebt die revoltierende Frage, warum das alles – (Ernst Jäger)

Vossische Zeitung, 27.5.1930
…am Schluss hört man plötzlich die aufschreiende, sich mit letzter Kraft ans Leben klammernde, schließlich hoffnungslos verstummende, zu Tode gehetzte Stimme Grete Mosheims. Diese Verzweiflungsrufe, die plötzlich von der stummen Leinwand herunter uns in die Ohren gellen, packen uns tiefer als alle Tonfilmeffekte, die wir bisher gesehen haben. Das Publikum des Alexanderplatzes, der Schönhauser Allee und des Scheunenviertels, das die Plätze des Babylon-Kinos, gegenüber der Volksbühne füllte, folgte dem Film mit Hingerissenheit und Tränenbächen.

8 Uhr-Abendblatt der National-Zeitung, 24.5.1930
Die Anklage: ‚Ihr lasst den Armen schuldig werden!‘ ist, wie in dem Bühnendrama von Dr. Friedrich Wolf, auch in diesem Film wider den Abtreibungsparagraphen des Strafgesetzbuches zum erschütternden Aufschrei geworden. (…) Grete Mosheim, die der Not eines verzweifelnden Proletariermädchens mit ebenso schlichter wie außerordentlicher Kunst Ausdruck zu geben weiß, von der ersten Erkenntnis ihrer Mutterschaft an über die schnell verhuschenden Träume eines kommenden Glücks bis zu allen Schmerzen des jähen Dahinsiechens – so quälend und aufwühlend dies alles wirkt, stets hat der Zuschauer das Gefühl einer meisterhaften Leistung.

Der Film, Nr. 36/1930
…dies verdammte Gesetz, das die ‚entsittlichenden, verrohenden, zum Klassenhass aufreizenden Verhältnisse‘ hervorbringt. Die Filmoberpüfstelle macht sich zur Handlangerin aller jener Bewegungen, die das grauenhafte, vom § 218 erzeugte Elend vertuschen wollen. Den zarten Nerven des Gerichts klingen die Schmerzensschreie der sich in Angst windenden Heldin ‚grausig‘. O ja, sie sind es auch, aber grausiger ist das Gesetz, ist eine Weltanschauung, die die Menschen erst in solche Qualen hetzt. Gegen diese Weltanschauung war der Film ein Protest. Dem Gericht war der Schrei zu laut, waren die beobachteten Tatsachen zu tatsächlich. Diese Herren haben das Glück gehabt, dass keine ihnen nahen Menschen sich in den Schlingen des Paragraphen je fingen. Darum glauben sie nicht an die Wahrheit. (…) So stellt sich das Urteil als Fehlurteil dar. (…) Es ist eine Zensurmaßnahme von einer menschlichen Anmaßung, (…) denn mit solchen Motiven und gewundenen Erklärungen gelangt man nächstens zu einer Diktatur der Zensur (…) einer lebensmäßig gesicherten Bürgerschicht. (Dr. jur. Manfred Georg)

Preis: 24.99 Euro