Russian Ark

Kinofilm als Kunstexperiment

Auf wundersame Weise findet sich ein zeitgenössischer russischer Filmemacher in der Eremitage des frühen 18. Jahrhunderts wieder. Er trifft auf einen zynischen französischen Diplomaten aus dem 19. Jahrhundert, mit dem er sich auf eine aufregende Reise durch den Palast und die turbulente Geschichte Russlands begibt. Den französischen Marquis verbindet eine westliche Hass-Liebe mit Russland.

„Beim Zug durch die Räume und Epochen entfaltet sich ein leidenschaftlicher Disput zwischen den beiden Männern. Sie durchqueren drei Jahrhunderte russischer Geschichte von der Entstehung der Stadt nach 1710 bis zum Winter 1913. Sie treffen Peter den Großen, die Zarin Katharina, erleben Audienz bei Nikolaus I. und ein Souper bei Nikolaus II. und seiner Familie. Und sie betrachten einige der zahllosen Gemälde, die an den Wänden des Museums hängen und eine Handvoll Statuen auf ihren Konsolen. Aber das Kontinuum, das sie durchlaufen, ist nicht lückenlos, es hat kleine Fenster, die sich in die Nachwelt der Zarenzeit hinein öffnen. In einem sieht man den Direktor der Eremitage mit seinem Stellvertreter in einem der Säle sitze; in einem anderen, gespenstischeren, blickt man in einen Außengang, in dem die Särge der während der deutschen Belagerung im Zweiten Weltkrieg verhungerten Einwohner Leningrads aufgestapelt sind.
Aber der Film wagt es nicht, dieses Bild zu betreten. Er bleibt in jenem Paradies gefangen, aus dem wir nach Proust nicht vertrieben werden können, in der Engelsburg der Erinnerung. Dann ist das Fest vorbei. „Gehen wir!“ - „Wohin?“ - „Immer vorwärts.“ - „Was ist dort?“ - „Keine Ahnung.“ - „Ich bleibe.“ - „Leben Sie wohl, Europa.“

Das ist alles? Fast.
Es gibt Besonderheiten, die Sokurows Film über den Rang eines Beitrags im Schulfernsehen hinausheben. Die hervorstechendste ist seine Form. Denn „Russian Ark“ ist eigentlich kein Film, sondern ein rollendes Bild. Sokurow hat eine Steadycam so umrüsten lassen, dass sie hundert Minuten hochauflösenden Videofilm belichten konnte, und den Gang durch die Eremitage dann, nach monatelangen Proben, in Echtzeit aufgenommen.
Zum Raum wird hier die Zeit. Also das Gegenteil des Kinos in seiner Flüchtigkeit.
Ein Film, wie es noch keinen gab: Alexander Sokurows „Russian Ark“ kommt ohne einen einzigen Schnitt aus. In einem rauschenden Wasserfall aus Uniformen und Abendkleidern lässt er das zaristische Russland untergehen.
(2003; von Andreas Kilb)

„Russian Ark“ gewann insgesamt acht Filmpreise und erhielt neun Nominierungen.

Special Features:
In on breath (Makin of – Dokumentarfilm von Knut Elstermann; 44 Min.)
Mon Paradies (Der Winterpalast – Dokumentarfilm von Elfi Mikesch; 48 Min.)
Filmografie – Kinotrailer
Drehszenen des Kameramannes

Produktionsland/-jahr: Russland/Deutschland 2002
Regie: Alexander Sokurow
1 DVD; Sprachfassung: Russisch, Deutsch; UT: deutsch, englisch, französisch, holländisch; Farbe; FSK: o.A.

Preis: 19.99 Euro

  • Laufzeit: ca. 96 Minuten
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