1917 – The Real October

Künstler in revolutionären Zeiten

St. Petersburg 1917. Die Weltkriegsfront rückt täglich näher, man hungert, bangt, wütet. Im Februar wird der Zar gestürzt. Auch viele Künstler sind euphorisch: Revolution! Freiheit! Endlich Frieden? Nein. Ab Oktober herrschen allein die Bolschewiki. Was taten Dichter, Denker, Avantgardisten wie Maxim Gorki und Kasimir Malewitsch während dieser radikalen Gewaltenwechsel? Im Film entsteigen fünf von ihnen als animierte Legetrickfiguren den Bücherstapeln der Regisseurin. Eigene überlieferte Worte im Munde durchkreuzen sie Salons, Komitees und Straßenschlachten: Momente, in denen der Ausgang der Geschichte noch offen ist.

Produktionsland: Deutschland
Regie: Katrin Rothe
Genre: Animadok – dokumentarischer Animationsfilm
Format: 4K / 2K / DCP
Sprache: Englisch

Filmbeschreibung

Von Dörthe Gromes, veröffentlicht am 09.05.2017

Der Triumph der Bolschewiki als monumentale Bastelarbeit: Zum 100. Jahrestag der russischen Revolution stellt Filmemacherin Katrin Rothe sie als Trickfilm nach – eine animierte Geschichtsvorlesung aus der Sicht von fünf Künstlern.
So vergeht der Ruhm der Welt: Bis Ende des 20. Jahrhunderts galt die russische Revolution von 1917 als eines der wichtigsten Ereignisse desselben. Dass mit der Oktoberrevolution ein völlig neuer Typ von Staat und Gesellschaft entstanden sei, war allgemein anerkannt. Mochte auch die kommunistische Ideologie entzaubert und die Sowjetunion 1990 zerfallen sein – die Bedeutung ihrer Gründung minderte es nicht.

Zwei Jahrzehnte später sieht das ganz anders aus. Im Kreml regieren Geheimdienst-Bosse, die ihr Herrschafts-System mit allerlei Versatzstücken legitimieren: orthodoxer Heilslehre, zaristischem Nationalismus und stalinistischem Siegeskult. Diese allrussische patchwork-Ideologie kann mit der Verheißung einer klassenlosen Gesellschaft, die Lenin und Trotzki vor 100 Jahren verkündet hatten, nicht viel anfangen – die übrige Welt noch weniger.

Ein halbes Jahr Doppelherrschaft
Dass die Machtübernahme der Bolschewiki nur einer von zwei politischen Umstürzen 1917 war, ist fast vergessen. Bereits im Februar dankte der Zar ab, weil sein Apparat der Aufstände kriegsmüder Arbeiter nicht mehr Herr wurde. Die Duma, das russische Parlament, setzte eine provisorische Regierung unter Alexander Kerenski ein. Zugleich bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte ("Sowjets"), die ihr die Macht streitig machten. Diese so genannte Doppelherrschaft endete mit dem erfolgreichen Putsch der Bolschewiki.

Fünf Künstler in Petrograd
Die wichtigsten Etappen der so bewegten wie verworrenen Monate zwischen Februar und Oktober 1917 dröselt die Filmemacherin Katrin Rothe in ihrem Animations-Dokumentarfilm minutiös auf. Aus sehr speziellem Blickwinkel: Die Geschehnisse werden aus der Sicht von fünf russischen Künstlern nacherzählt – mithilfe von Auszügen aus ihren damaligen Aufzeichnungen.
Alle fünf Protagonisten standen damals in der Hauptstadt Petrograd miteinander in Kontakt – trotz sehr unterschiedlicher Überzeugungen. Die Lyrikerin Sinaida Hippius sowie der Maler und Kunstkritiker Alexander Benois gehören zum großbürgerlichen establishment. Sie beobachten die Vorkommnisse voller Skepsis von den Fenstern ihrer luxuriösen Wohnungen aus. Nach dem Sieg der Bolschewiki bleibt ihnen nur die Flucht ins Exil.

Vorzeige- + Selbstmord-Künstler
Der Schriftsteller Maxim Gorki kommt hingegen aus ärmsten Verhältnissen. Er ist persönlich mit Lenin befreundet, doch zugleich erfüllen ihn die revolutionären Ereignisse mit großer Sorge um den Erhalt der russischen Kulturgüter. Später wird er zum systemkonformen Vorzeigekünstler avancieren

Der Avantgarde-Künstler Kasimir Malewitsch und der futuristische Dichter Wladimir Majakowski begrüßen wiederum den Umbruch; sie erwarten sich von ihm eine völlig neue Gesellschaft. Beide ecken jedoch mit ihren Arbeiten bei den neuen Machthabern an. Malewitsch zieht sich ab 1930 in ein rätselhaftes Spätwerk zurück; im gleichen Jahr begeht Majakowski Selbstmord.

Legetrick-Figuren + Scherenschnitte
Ihre fünf Protagonisten erweckt Katrin Rothe zu filmischem Leben, indem sie die Akteure aufwändig als Legetrick-Figuren aus Papier und Pappe animiert. Scherenschnitte stellen meuternde Soldaten oder demonstrierende Massen dar; Siebdrucke, Zeichnungen und kolorierte tableaux dienen als Hintergründe, Panorama-Ansichten oder interieurs.
Diese animierten Szenen werden durch sparsam eingestreute Archivaufnahmen ergänzt. Zudem kommt immer wieder die Filmemacherin selbst ins Bild, während sie einen roten Zeitstrahl an eine Wand pinselt, Datumskärtchen darauf klebt oder Figuren und Zeichnungen arrangiert. So entsteht ein sehr eigenwilliger, verspielter look, dem man die Sorgfalt und Hingabe ansieht, die darin stecken.

Hunderte von Wahrheiten finden
Er verhindert gleichwohl nicht, dass der Film nach der ersten Hälfte immer mehr einer Geschichtsvorlesung gleicht. Die große Materialfülle wirkt auf Dauer ermüdend; auch die Bildideen wiederholen sich. Zudem fungieren die zitierten Intellektuellen zwar als Chronisten ihrer Epoche, doch sie bleiben dem Zuschauer als Menschen fremd, weil man kaum etwas über ihre Charaktere und sonstigen Lebensumstände erfährt.

Am Ende dieses ganzen Wusts aus Geschehnissen und Zitaten resümiert die Filmemacherin: "Ich wollte den wahren Oktober finden. Gefunden habe ich Hunderte von Wahrheiten – was bleibt, sind Worte und Werke." Dieses Fazit ist so richtig wie beliebig.

Preis: 25.00 Euro

  • Laufzeit: Kino 90 / TV 52 + 45 Minuten
  • Produktionsjahr: 2017
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann teilen Sie ihn doch mit anderen

Ähnliche Artikel im nd-Shop: