Das Leben des Galileo Galilei

Fernsehaufzeichnung der Premiere des Brechtschen Dramas im Berliner Ensemble 1978. Eine Sternstunde des Berliner Theaters!

Die ursprüngliche Fassung seines epischen Bühnenstückes “Leben des Galilei” legte Brecht im Jahre 1939 vor - zu dieser Zeit lebte er schon im Exil, da er vor den deutschen Faschisten fliehen musste. Im Jahre 1943 wurde das Stück erstmalig in Zürich aufgeführt, und im Jahre 1957 erlebte es auch seine Premiere am Theater am Schiffbauerdamm in Berlin.

Am 10.02.1978 präsentierte nun das DDR-Fernsehen die Neuinszenierung des Brechtschen Werkes mit einer Übertragung der Premiere aus dem Berliner Ensemble – mit Ekkehard Schall als Galileo Galilei.

Galileo Galilei sucht nach Beweisen für die Richtigkeit des kopernikanischen Weltbildes, aber die neue Lehre widerspricht dem Dogma der Kirche. Er konstruiert nach dem Prinzip eines Fernrohres, das in Holland verkauft wird, ein Fernrohr für Astronomen und kann damit seine Hypothese begründen. Im Januar 1610 erblickt Galilei neue Planeten um den Jupiter. Er glaubt an die menschliche Vernunft, als er mit seinen Berechnungen an die Öffentlichkeit geht. Doch ein paar Jahre später wird er von der Kirche als Ketzer benannt. 1633 greift die Inquisition zu. Galilei wird verhaftet, und angesichts der Folterinstrumente widerruft er. Heimlich arbeitet er jedoch weiter und übergibt seine Schriften seinem Schüler, der nach Holland geht, wo eine freie Forschung möglich ist.

Manfred Wekwerth schrieb 1977 über seine Inszenierung:

„Den „Galilei“ heute lesend, fällt zunächst auf, wie sehr der Fall Galilei, also der eines Wissenschaftlers, sich auf andere Bereiche umlegen läßt. Wie sehr er Gleichnis oder Modellfall ist, auch für uns. Uns, die wir im Besitz einer großen Wahrheit sind, interessiert die Frage, wie sich Wahrheit durchsetzt. Sie scheint heute eine Schlüsselfrage – nicht nur des Stückes. Setzt sich Wahrheit durch, weil sie wahr ist? Auf uns umgelegt: Reicht es, die Gesellschaft umzuwälzen – und alles wird automatisch neu?  müssen: Es geht gar nicht um den Beweis, den das Fernrohr von den Jupitermonden liefert, es geht um gesellschaftliche Interessen. Und widerspricht die Winkelsumme im Dreieck eben den Herrschaftsinteressen, so ist sie nicht 180 sondern 90 Grad.“

„Hier entdecken wir, den „Galilei“ lesend, noch eine Frage von Brisanz: Galilei beschreibt mit schönen (brechtischen) Worten die Eröffnung eines neuen Zeitalters in der ersten Szene: Die Wahrheit bricht sich Bahn, die Unvernunft kapituliert, die Plebejer fressen die Vernunft in sich hinein wie Semmeln. Aber Galilei wird erfahren müssen, daß nicht nur die Kirche sein Feind ist, sondern mehr noch das Vorurteil der vielen einfachen Leute, die die Kirche unterstützen, auch gegen ihre wirklichen Interessen. Marx sagt: Der Kampf um die Wahrheit ist in der Hauptsache der Kampf gegen die Unwahrheit. Ist dies nicht wichtig für uns zu wissen? Gerade weil wir die wirklichen Interessen der einfachen Leute vertreten? Aber wissen wir nicht auch, daß viele arme Landarbeiter 1945 sich hartnäckig weigerten, den Boden der Gutsbesitzer zu übernehmen, obwohl dies schon die Bauern im großen Bauernkrieg 1525 forderten?“

Den „Galilei“ heute lesend, stellt sich die Frage auch von einer anderen Seite: Heute richtet man Ideale auf, um sie gegen Realitäten ins Feld zu führen. Das reicht von Marx, den man als Kronzeuge gegen den realen Sozialismus aufruft, bis hin zu den jungen Leuten, die mit subjektiver Ehrlichkeit die Realität ausschließlich am Ideal messen. Kurz: vom realen Sozialismus bis zur Koexistenz ist nichts ohne die Dialektik zwischen Strategie und Taktik zu verstehen. Und auf diese Sicht scheint der „Galileo Galilei“ der ersten Fassung zu verweisen: Es kann keine ausschließliche Verdammung der Taktik geben. Ohne Widerruf gäbe es keine Weiterführung des Werkes Galileis. Aber es kann auch kein ausschließliches Lob der List und der Taktik geben: Das Werk Galileis wird zwar erhalten, aber stark beschädigt; Galilei selbst wird über die Erhaltung seines Werkes zerstört. Hier enthält das Stück eine Warnung vor rein moralischer Verdammung des Kompromisses, und es enthält zugleich die Warnung, die Taktik zur alleinigen Strategie werden zu lassen: Undialektisch gebraucht gefährdet Taktik jedes strategische Ziel.“

„Den „Galilei“ so lesend und so Ausschau haltend nach einer heutigen Sinngebung, suchten wir nicht so sehr die unbestrittene Größe des Stücks, sondern den Streit; nicht so sehr die Geschichte, sondern die Geschichten, die das Stück enthält. Nicht so sehr den gegebenen Charakter eines Mannes der neuen Zeit, sondern seine Entstehung.“


Regie: Manfred Wekwerth/Joachim Tenschert
Personen und ihre Darsteller:
Galileo Galilei (Ekkehard Schall), Frau Sarti (Renate Richter), Ludovico Marsili (Michael Gerber), Sagredo (Dieter Knaup), Virginia (Jutta Hoffmann), Federzoni (Stefan Lisewski), der alte Kardinal (Siegfried Weiß), der kleine Mönch (Hans-Peter Reinecke), der Kardinal Inquisitor (Arno Wyzniewski), Kardinal Barberini (Günter Naumann), Kardinal Ballarmin (Peter Hladik), Andreas Sarti (Thomas Neumann), der Balladensänger (Peter Aust), die Frau des Balladensängers (Carmen-Maja Antoni), Kurator Priuli (Wolfram Handel), Beamter der Inquisition (Willi Schwabe) und andere.

1 DVD; Label: Studio Hamburg Enterprises

Preis: 16.99 Euro

  • Laufzeit: ca. 198 Minuten
  • Produktionsjahr: 1978
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