Alle, außer mir

»Wer stirbt, ist ein Flüchtling, ein Asylsuchender. Der einen Ablehnungsbescheid bekommen hat für den Rest der Ewigkeit.« In Rom stirbt der Familienpatriarch Attilo Profeti. Noch vor seinem Ableben widerfährt seiner Tochter Ilaria eine seltsame Geschichte, denn vor ihrer Tür steht ein junger Schwarzer, der seinen Großvater sucht. Und er heißt Shimeta Ietmgeta Attiloprofeti. Die Familie steht kopf, das muss ein schlechter Scherz sein. Für Ilaria ist das der Anlass, immer tiefer in die Familiengeschichte einzutauchen, das Leben ihres Großvaters erscheint ihr zunehmend exemplarisch für das große Verdrängen in der italienischen Gesellschaft. Der Großvater war Soldat in der Kolonie Abbessinien, als der Duce sein »Mare Nostrum« proklamierte. Natürlich feierte auch in Italien der Rassismus fröhliche Urständ, Juden und Neger hatten sich der römischen Rasse unterzuordnen. Aber viele der Soldaten gingen langjährige Liebesbeziehungen mit äthiopischen Frauen ein. Shimeta flieht vor Polizeigewalt und Bürgerkrieg, die auch mit dem Geld der Berlusconi-Regierung finanziert werden. Der Erzählstrom teilt sich in die Geschichte aus den 1940er und den 1990er Jahren, und trotz aller Ungleichheit sind die Parallelen verblüffend. Er fließt wieder zusammen im Rom der Jetztzeit und kulminiert im Bemühen der Familie, mit dem schwarzen Enkel klarzukommen und ein Verständnis für die bislang verachteten Zuwanderer zu entwickeln. Das ist bisweilen urkomisch, voller Rasanz, geht aber in die Tiefe. Großartig. mps

Preis: 26.00 Euro

  • Autor/in: Melandri, Francesca / Hansen, Esther
  • Verlag: Wagenbach Klaus GmbH
  • Format: gebunden 603 Seiten
  • Erscheinungsjahr: 2018
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