Geisterbahn

Es war schön und hätte immer so weiter gehen können. Alfons Dorn ist Schausteller im beschaulichen Trier, mit einer großen Familie gesegnet. Alfons fährt nach Berlin, um einen Autoscooter zu kaufen. Aber es ist 1935 und an »Zigeuner verkaufen wir nicht«. Vor dem Internierungslager auf den Marzahner Rieselfeldern kann sich Alfons noch retten, aber die Zwangssterilisierung zweier Kinder und den Abtransport der Familie ins KZ 1940 kann er nicht verhindern. Fünf seiner Kinder sterben, Alfons und Lucie kehren mit den Überlebenden zurück ins beschauliche Trier. Auch die Familie des Kommunisten Willy Torgau hat den Blutzoll bezahlen müssen. Der Psychologe Dr. Neumeister macht eine steile Karriere bei der Organisation des Arbeitsdienstes, taucht bei Kriegsende unter und als frommer, arbeitsamer Spezialist wieder auf. Und dann gibt es, neben vielen anderen Figuren, MEINENVATER, den diensteifrigen und pflichtbewussten Polizisten, dessen Sohn Bernhard als Kind in der Wirtschaftswunderzeit neben den Kindern der Hauptfiguren in einer Klasse sitzt. Die Wirtschaft brummt, und es wird nach vorn gedacht.

Aber die Vergangenheit lässt sich nicht vergessen, da sind die Traumata der überlebenden Dorns, die mit Moselwein entschädigt werden sollen, da ist der zerschlagene Körper der Kommunistin Torgau, die nicht mehr ins Leben zurückfindet, da ist der vergebliche Kampf um Gerechtigkeit und Sühne. Denn man hat damals ja nur seine Pflicht getan. Der Erzähler Bernhard enthüllt eine abgründige Kleinstadtidylle, durchtränkt von Gewalt und Bigotterie. Zwar scheinen die Kinder unverdorben, wenn sie »Zigeunerlieder« nicht singen wollen, weil das Ännchen Dorn weinen muss. Und es ist auch nicht schlimm, wenn das Kommunistenkind nicht in den Religionsunterricht geht. Aber sie werden älter und übernehmen die Einstellungen der Erwachsenen, deren Vorurteile und das Angepasste. Bernhard wird Lehrer, er setzt sich mit der finsteren Geschichte auseinander, auch der seines Polizistenvaters, der alles Schwache hasst, er will den Kreislauf der Gewalt und Ausgrenzung durchbrechen. Und wird darüber immer zorniger. Josef Dorn und seine Schwester eröffnen ein gediegenes Speiselokal, die Honoratioren der Stadt schütteln Hände, man ist endlich angekommen und angenommen. Bis die Gäste spärlicher werden und schließlich das Inventar verwüstet und Naziparolen geschmiert werden.

Die gebürtige Triererin Ursula Krechel stützt sich, wie schon bei ihrem Roman »Landgericht« auf Originalquellen: Akten, Zeitungsmeldungen, Berichte. Kunstfertig baut sie diese in die Geschichte ein, ihre Figuren gewinnen dadurch an Tiefe und der Leser wird hineingezogen in die Atmosphäre einer Zeit, die von den 1930ern bis in die Gegenwart reicht. Präzise Beschreibungen von Karrieren im Dritten Reich und danach, Milieustudien, Lebenslust und Verzweiflung, geradezu lyrische Momente – Sujet und Erzählweise hätten für drei Bücher gereicht. Gut, das all dies in einem Roman gebündelt wird. mps

Preis: 32.00 Euro

  • Autor/in: Krechel, Ursula
  • Verlag: Jung und Jung Verlag GmbH
  • Format: gebunden 650 Seiten
  • Erscheinungsjahr: 2018
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