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Das sogenannte Schürerpapier

Das sogenannte Schürerpapier – tatsächlich wurde es unter der Leitung von Alexander Schalck-Golokowski und Gerhard Schürer von einer Gruppe von Wirtschaftsexperten, darunter dem Außenhandelsminister, dem Finanzminister und dem Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik verfasst – ist von den Aufarbeitern der DDR-Geschichte in mehrfacher Hinsicht missverstanden worden. Es handelte sich nicht, wie die gängige Interpretation lautet, um eine Bankrotterklärung. Die darin enthaltene Wirtschaftsbilanz in Zahlen sollte den Wirtschaftsfunktionären, die jeweils nur in einen bestimmten Bereich des DDR-Wirtschaftsablauf Einblick hatten, vielmehr den Ernst der Gesamtlage vor Augen führen und sie aufrütteln. Es handelte sich auch nicht um einen gut gemeinten Versuch, durch die bloße Wiederbelebung des NÖS die DDR-Wirtschaft zu stabilisieren.
Gestützt auf die Grundsätze der Alternativgeschichtsschreibung und unter Anwendung der von ihr empfohlenen Prüfverfahren weist Jörg Roesler vielmehr erstens nach, dass das im „Schürerpapier“ entwickelte Programm einer behutsamen, schrittweisen marktwirtschaftlichen Transformation nicht nur prinzipiell mit den Wirtschaftsreformprogrammen anderer osteuropäischer Staaten übereinstimmte, sondern auch mit der Auffassung prominenter bundesdeutscher Wirtschaftsexperten, die diese 1989 in Denkschriften über eine anzustrebende DDR-Reform niederlegten. Zweitens weist Roesler am Beispiel des Ablaufs einer der osteuropäischen Wirtschaftsreformen, der polnischen, nach, dass die 1989 erarbeitete DDR-Wirtschaftsreform mit beträchtlich geringeren wirtschaftlichen Wachstumsverlusten einzuführen gewesen und eine ökonomische Stabilisierung früher erfolgt wäre als dies auf der Grundlage der aus rein machtpolitischen Gründen von Bundeskanzler Kohl durchgesetzten Übernahme des bundesdeutschen Wirtschaftsmechanismus in kürzester Frist im Osten Deutschlands 1990 tatsächlich der Fall gewesen ist – von der Ausgliederung der DDR-Wirtschaftselite aus diesem Transformationsprozess ganz zu schweigen.

Referent: Prof. Dr. Jörg Roesler (Wirtschaftshistoriker)
Moderation: Dr. Stefan Bollinger

Infos zum Termin
30. Oktober 2019, 19:00 bis 21:00 Uhr
Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin
Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin
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