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Von Julian Bartosz, Wroclaw 08.01.2009 / Ausland

Kirchensturm gegen Reagenzglasbabys

Fundamentalistische Offensive der Bischöfe

Polens römisch-katholische Kirche versucht immer stärker auf die Politik einzuwirken: In einem von den Kanzeln verlesenem Hirtenbrief der Polnischen Bischofskonferenz erklärte sie die Methode der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas für moralisch verwerflich. Dabei gehe es nämlich um Mord.

Begründet wird der schreckliche Vorwurf damit, dass bei der sogenannten In-vitro-Fertilisation von mehreren befruchteten Eizellen, die bereits als Embryonen und damit als menschliche Wesen gelten, nur eines oder zwei in die Gebärmutter verpflanzt, der Rest jedoch als Vorrat für etwaige weitere Versuche eingefroren wird. Dies komme einer »besonders raffinierten Euthanasie« gleich, mahnen die Bischöfe. Kardinal Stanislaw Dziwisz aus Kraków, der ehemalige Sekretär von Papst Johannes Paul II., nannte dies »elend«.

Daher appellieren die Bischöfe an die Sejmabgeordneten aller Parteien: Deren moralische Pflicht sei es, die Methode der Befruchtung im Reagenzglas, mit deren Hilfe kinderlosen Paaren ein Kinderwunsch erfüllt werden könnte, nicht zuzulassen. Kinder seien eben ein Geschenk des Herrn, man dürfe nicht dem »Konsumtionismus« verfallen. Ein Recht auf Kinder gebe es nicht, verkünden Polens Bischöfe, die damit der Belehrung der vatikanischen Glaubenskongregation zum Thema »Würde des Lebens« folgen.

Die Bürgerplattform (PO) des liberalen Ministerpräsidenten Donald Tusk will sich dem Willen der katholischen Kirche nicht völlig verweigern und sucht einen Kompromiss. Ihr Abgeordneter Jaroslaw Gowin, ein in religiösen Fragen bewanderter Philosoph aus Kraków, hat mit einem »Fünf- zehner«-Ausschuss einen Vorschlag ausgeklügelt, der allerdings selbst in der Regierungspartei umstritten. Der Entwurf dieser PO-Vorlage sieht vor, die Aufbewahrung und Weitergabe gefrorener »überflüssiger« Embryonen mit Haftstrafen bis zu drei Jahren zu belegen.

Das Thema wird in Polen heftig diskutiert. Eine Umfrage ergab, dass nach »Krise« und »Krieg« der Begriff »in vitro« im Jahre 2009 in der öffentlichen Debatte am häufigsten zitiert werden wird. In einer Fernsehrunde am Dienstag wurde den Kirchenhierarchen weltfremder Fundamentalismus vorgeworfen. Etliche Professoren der Medizin wundern sich, warum sich Bischöfe in die Gynäkologie einmischen, von der sie nicht die geringste Ahnung haben. Unfruchtbarkeit von Frauen (oder Männern) sei als Krankheit zu deuten und zu behandeln. Für die Kosten müssten die Krankenkassen aufkommen, fordern Frauenorganisationen.

Jährlich werden in Polen – bisher nur in privaten Kliniken – bis zu 60 000 künstliche Befruchtungen vorgenommen, schreibt Anna Skibniewska in der Wochenzeitung »Przeglad« und lässt etliche Fachmediziner zu Wort kommen, die darauf hinweisen, dass weltweit bereits 3,5 Millionen Kinder mit Hilfe dieser Methode geboren wurden, darunter bis zu 20 Prozent aus eingefrorenen und wieder »aufgetauten« befruchteten Eizellen. Die »Mordanklage« der Bischöfe sei also fundamentalistischer Unfug.

Polen ist bisher das einzige Land in Europa, das für die künstliche Befruchtung keine gesetzliche Regelung hat. Auch die Bioethik-Konvention des Europarates von 1997, das »Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin«, wurde von Polen nicht ratifiziert. Ryszard Kalisz vom Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) bezeichnete das Verhalten der Kirchenhierarchie als verfassungs- und konkordatswidrig. Er verwies darauf, dass Staat und Kirche autonome Subjekte seien. Das ist indes in Polen schon längst eine Lüge.

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