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Von Knut Elstermann 15.01.2009 / Kino & Film
Film

»Zwischen den Mauern«

»Die Klasse«: Laurent Cantet inszeniert eine scheinbare Kunstlosigkeit

Am Anfang war ein Buch. »Zwischen den Mauern« von François Bégaudeau. Der 1971 geborene französische Lehrer und Autor schilderte darin seine Erfahrungen in einer multi-kulturell geprägten Grundschule, schrieb über den Umgang mit den Kindern der Einwanderer, bot eine faktenreiche Innenansicht der brennenden Bildungsprobleme. Der Filmregisseur Laurent Cantet, als Lehrersohn ohnehin sehr an der Problematik interessiert, las dieses 2006 erschienene Buch und war sofort gefesselt von dem neuen, anderen Blick auf die Schule, die hier nicht wie so oft vorschnell als eine einzige Brutstätte der Gewalt verteufelt wurde. Die jungen Leute wurden mit Respekt und aber auch ohne Beschönigungen betrachtet.

Genau diese Haltung nahm der Regisseur Cantet für seine in jeder Hinsicht meisterhafte Verfilmung ein. Konsequent verbleibt er »zwischen den Mauern« dieser schulischen Welt, drehte fast ausschließlich im Klassenzimmer, auch der Lehrer wird für uns nur in diesem Rahmen sichtbar, so wie ihn die Schüler wahrnehmen. Ein Jahr begleiten wir diese bunt zusammengewürfelte Klasse, werden Zeugen von durchaus beglückenden Momenten, aber auch von tiefen Krisen, Auseinandersetzungen, von Missverständnissen und Annäherungen, Provokationen und Verletzungen. Es ist ein tägliches Ringen und Kämpfen, ein Mikrokosmos, der wie ein genaues Spiegelbild der sozialen, politischen und kulturellen Situation im Lande wirkt, ein Frankreich im Kleinen.

Diese jungen Leute, das gehört zu den besonderen Stärken dieses Films, erscheinen hier nicht einfach als schutzlose Opfer der bedrückenden sozialen Verhältnisse, aber auch nicht nur als aggressive potenzielle Täter. Sie sind eigenständige, wenn auch noch nicht ausgereifte Persönlichkeiten, die individuelle Zuwendung brauchen. Es sind unverwechselbare Charaktere wie der »harte Junge« Soleymane, der seinen Lehrer für schwul hält, der düstere »gothic boy« Arthur, die in sich ruhende Esmeralda. Jedem wird hier Gerechtigkeit zuteil, der Film bewertet nicht, er lässt uns teilhaben an einer vorurteilsfreien, aufschlussreichen Beobachtung, die weit über eine bloße Sozialstudie hinausgeht. Viele der Fragen, die diese Schüler aufwerfen, könnten auch von Altersgenossen in höheren Einrichtungen gestellt werden: Wozu soll ich Platon lesen? Warum soll ich mich mit den komplizierten französischen Zeitformen herumquälen? So setzt der Film ein Nachdenken über das in Gang, was Bildung bewirken kann, welche Werte sie vermitteln soll, wie nah sie an die Lebenswirklichkeit junger Menschen gelangt.

Die Zuschauer werden immer wieder vergessen, dass sie einen Spielfilm und keine Dokumentation sehen, die Inszenierung bleibt vollkommen unsichtbar. Die Schüler wurden in offenen Workshops ausgewählt. Wer das ganze Jahr über dabei blieb, schaffte es auch in den Film. In diesem Prozess wurden die Figuren konkreter, die Situationen schärfer, aber in jedem Fall wird hier gespielt, den jungen Leuten mögen die sozialen Hintergründe sehr vertraut sein, die Charaktere aber sind ihre bewundernswerten Schöpfungen.

Auch wenn Regisseur Cantet bereitwillig über seine Methoden berichtet hat, auch wenn wir die Vorbereitungen und die Abläufe der Dreharbeiten jetzt genau kennen, verschwindet das Erstaunen nicht. Es ist wie in den besten Filmen von Ken Loach oder der Dardenne-Brüder, die noch beim mehrfachen Sehen einen Rest von Unerklärbarkeit behalten. Man kann schlicht und einfach nicht verstehen, wie das gemacht wurde, ahnt aber zumindest, dass gerade diese scheinbare Kunstlosigkeit eine große künstlerische Leistung ist. François Bégaudeau spielt sich selbst als engagierten, aber nicht fehlerlosen Lehrer. Seine Fragetechnik ist faszinierend. Mit wahrhaft dialektischen Methoden versucht er die Schüler zu aktivieren, doch er ist alles andere als ein pädagogischer Supermann, auch er nimmt seine Persönlichkeit mit in den Klassenraum, seine Verletzungen und seine Fehlbarkeit. In manchen Konflikten verliert er die Beherrschung, sogar die Fairness. Der Prozess des gemeinsamen Lernens, hier auch noch ein interkultureller Vorgang, ist selbst beim besten Willen auf beiden Seiten voller Widersprüche, Fehlurteile und Missverständnisse.

Der 1961 geborene Laurent Cantet hat sich auch bei uns mit Filmen einen Namen gemacht, die ihre Brisanz aus der sozialen Wirklichkeit bezogen. Allerdings dürfte seine Bekanntheit bisher kaum über den engen Kreis von Cineasten hinaus gegangen sein. Vielleicht könnte er mit seinem neuen Werk endlich auch hierzulande ein größeres Publikum erreichen, das Thema müsste gerade die Deutschen in ihrer aktuellen Bildungsmisere ganz direkt ansprechen. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Auch davon erzählt dieser Film.

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