Nach den zuletzt bekannt gewordenen Schäden in mehreren Einlagerungskammern des Atommülllagers Asse fordern Atomkraftgegner gesicherte Informationen über das radioaktive Inventar des Bergwerks. »Es muss endlich geklärt werden, was da wirklich drin ist«, verlangte Michael Fuder, Sprecher des Asse-II-Koordinationskreises, eines Zusammenschlusses von Bürgerinitiativen, am Dienstag vor Journalisten in Hannover. An den offiziellen Auskünften, nach denen in den 60er und 70er Jahren ausschließlich schwach- und mittelaktive Abfälle in der Asse eingelagert wurden, haben die Umweltschützer immer mehr Zweifel.
Vorrangig müssten Proben in der vom Einsturz bedrohten Einlagerungskammer 4 genommen werden, forderte Fuder. Nach Informationen des Koordinationskreises befinden sich hier neben rund 6000 Atommüllfässern auch zehn »Sonderverpackungen mit Bleiummantelung«. »Üblicherweise werden radioaktive Abfälle dann mit Blei ummantelt, wenn sie stark strahlen«, betonte Fuder. »Es wäre interessant zu wissen, was damals tatsächlich eingelagert wurde«, sagt auch der Grünen-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel. Er verweist darauf, dass die 750 Meter unter der Erde liegende Kammer 4 von 1967 bis 1971 als erste im Bergwerk Asse mit dem bis dahin in der Bundesrepublik angefallenen Atommüll befüllt worden war.
Dass die Decke über dem Hohlraum brüchig ist, war vergangene Woche offiziell bekannt gegeben worden. Nach Angaben des neuen Betreibers, des Bundesamts für Strahlenschutz, sowie des niedersächsischen Umweltministeriums gibt es dort Schäden, »durch die sich künftig Teile der Decke lösen und auf in der Kammer lagernde schwachradioaktive Abfälle stürzen könnten«.
Zudem drohen offenbar Laugeneinbrüche größeren Ausmaßes in die Decke von Kammer 9, wo selbst keine Abfälle lagern. Die Asse-Experten im Büro der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl befürchten, dass die von oben eindringende Lauge leicht in die benachbarten Hohlräume gelangen kann. In den Kammern 8 und 10 liegen knapp 16 000 Atommüll-Fässer, die teilweise Plutonium enthalten.
Peter Dickel vom Asse-II-Koordinationskreis wies darauf hin, dass nun auch das Landesumweltministerium vor möglichen Gefahren in der Asse warne. »Es scheint so, dass das Ministerium kritische Äußerungen erst seit dem Betreiberwechsel für opportun hält.« Das Bundesamt für Strahlenschutz untersteht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der anders als sein niedersächsischer Amtskollege Hans-Hinrich Sander (FDP) als Atomkraftkritiker gilt.
Die Atomkraftgegner üben auch Kritik an der Novelle des Atomgesetzes, über die heute der Bundestag berät. »Das ist eine Lex Asse«, sagte Fuder. Zwar solle das Bergwerk, wie von den Kritikern gefordert, nach dem Atomrecht geschlossen werden, die Asse selbst werde aber nicht zum Atommüll-endlager erklärt. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland forderte Nachbesserungen. In der Novelle müsse festgeschrieben werden, dass die Schließung der Asse nur nach einem wissenschaftlich seriösen Vergleich aller möglichen Optionen erfolgen könne.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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