Zuerst traf es den Anwalt Stanislaw Markelow. Der 34-Jährige hatte vor allem Menschenrechtler vertreten. Landesweit bekannt geworden war er als Verteidiger der Familie Elsa Kungajewas. Die 18-jährige Tschetschenin war vor neun Jahren von einem russischen Offizier zuerst vergewaltigt und später erstickt worden. Der Täter Juri Budanow, der zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden war, kam vor ein paar Tagen nach achteinhalb Jahren Haft frei. Markelow, der den Beschluss dazu angefochten hatte, wurde unmittelbar nach einer Pressekonferenz zu diesem Fall von einem maskierten Killer durch einen Schuss in den Nacken getötet.
Der Täter hatte eine Pistole mit Schalldämpfer verwendet und auch auf die Journalistikstudentin Anastasia Baburowa, die zusammen mit Markelow von der Pressekonferenz kam, einen Kopfschuss abgegeben. Die 25-Jährige erlag ein paar Stunden später ihren Verletzungen. Sie hatte vor allem über Neonazis und andere rechtsextremistische Jugendorganisationen geschrieben und war freie Mitarbeiterin der »Nowaja Gaseta«. Für die kritische Zeitung hatte auch die im Oktober 2006 erschossene Anna Politkowskaja gearbeitet.
Ebenfalls am Montagabend wurde im Zentrum Moskaus der 20-jährige Anton Stradymow tot aufgefunden. Er war Mitglied der Nationalbolschewistischen Partei (NBP), die ihre Tätigkeit vor drei Jahren einstellen musste, weil sie nicht die vom Parteiengesetz geforderte Mindestzahl von Mitgliedern nachweisen konnte. Die NBP gehörte dem oppositionellen Bündnis »Anderes Russland« an, zu dessen Führung auch der ehemalige Schachweltmeister Gari Kasparow gehört. Der Ermordete hatte sich mehrfach an der Vorbereitung von Kasparows Anti-Putin-Märschen beteiligt.
Generalstaatsanwalt Juri Tschai-ka machte die Aufklärung der Morde inzwischen zur Chefsache. Seine Ermittler sind sich zumindest im Falle des Anwalts und der Journalistin sicher, dass die Tatmotive mit deren beruflicher Tätigkeit zusammenhängen. Der russische Journalistenverband, kündigte dessen Vorsitzender Wsewolod Bogdanow an, werde daher Präsident Dmitri Medwedjew schriftlich bitten, die Aufklärung unter seine persönliche Kontrolle zu nehmen. Auch werde der Journalistenverband eigene Ermittlungen aufnehmen. Ermittler und Kollegen Markelows bringen den Mord an dem Anwalt nicht unbedingt in Verbindung mit dem Fall Budanow. Möglich sei auch ein Zusammenhang mit einer anderen von Markelow vertretenen Sache, bei der es »um viel Geld« gehen könne.
Die Öffentlichkeit der russischen Hauptstadt ist jedenfalls schockiert. Anatoli Kutscherena, Mitglied der Bürgerkammer – eines offiziellen Beratungsgremiums – und selbst Anwalt, sprach von »dreisten Morden«, die »eine Herausforderung der Rechtsschutzorgane und der gesamten Gesellschaft« seien.
Auch unpolitische Zeitgenossen fühlten sich bei Umfragen an die »wilden Neunziger« erinnert, als rivalisierende Interessengruppen ihre Differenzen mitten in Moskau auf offener Straße ausschossen. Viele befürchten, Chaos und Unsicherheit der Jelzin-Ära seien erneut auf dem Vormarsch.
Durch die schleichende Entwertung des Rubels, die Angst um den Arbeitsplatz und andere Folgen der Wirtschaftskrise ohnehin bereits stark verunsichert, sind viele Menschen geneigt, »die Macht« kritischer als bisher unter die Lupe zu nehmen.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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