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Von Egon Günter 09.02.2009 /
Berlinale

»Sturm«: Schweigen aus Angst

Kerry Fox (l.) und Anamaria Marinca (r.) in »Sturm«
Kerry Fox (l.) und Anamaria Marinca (r.) in »Sturm«

Ein Thriller ohne Zweifel. Es geht ruhig an. Vater, Mutter, Kind gelassen am Meeres- strand. Erster Hinweis, dass die Idylle trügt. Die Mutter drängt zum Aufbruch und schlägt merkwürdigerweise vor, vielleicht nur noch spanisch zu sprechen.

Szenenwechsel. Zweiter Anfang. Hotel. Die Hauptperson wird vorgestellt. In einem Hotel, sagen wir mal in Brüssel, eine schöne Frau und ihr beinahe überlebensgroßer Geliebter werden eingeführt. Der Kerl (Rolf Lassgard, der auch Mankells Wallander spielte) hat Charme. Sie auch. Sie heißt Hanna Maynhard (Kerry Fox). Liebe zwischen einer reifen Frau und einem besseren Herrn. Eine deutlich lange Exposition. Reden, duschen, küssen. Das ändert sich bald. Aber es ist auch so, dass man bangt, der Regisseur wüsste nicht, wohin mit seinem Stoff.

Aber dann kommt die Story in Fahrt. Der Bruder der jungen Frau sagt vor Gericht, er habe gesehen, wie etwa 30 junge Frauen in Srpska in einem Bus vergewaltigt, dann umgebracht wurden. Die Verteidiger der Verbrecher beweisen, dass er das gar nicht gesehen haben kann. Richtig, leider. Er log für seine Schwester, er wollte sie schützen. Er bringt sich um. Aber nun ist seine Schwester, die Zeugin des Verbrechens war, erst richtig in Gefahr. Hanna Maynhard, die Richterin, versucht, die junge Frau zum Sprechen zu bringen. Hans-Christian Schmid nähert sich der Realität, dem Tatsachenbericht, aber damit gerät er in ein ganz anderes Fahrwasser.

Mich hat das von einem bestimmten Punkt an nicht mehr nervös gemacht. Der dramatische Vorfall ist so ungeheuerlich, dass formale Vorbehalte nicht ziehen. Sicher: Film ist Film und er hat seine eigenen Regeln. Man verstrickt sich leicht in Widersprüche, wenn man gewissermaßen die Mittel mischt.

Genug davon. Schmid ist ein mitreißender Film gelungen. Die schon geschlagene Staatsanwältin nimmt den Fall wieder auf. Versucht, die junge Frau zum Sprechen zu gewinnen. Die schweigt aus Angst. Die politische Seite des Falles macht den Fall zu einem todgefährlichen. In der Republik Srpska werden die Täter nicht bestraft, sondern als Nationalhelden gefeiert. Die Staatsanwältin Maynhard drängt auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Das Leben der jungen Frau scheint sie nicht zu kümmern. Der große dramatische Schub, der Form und Inhalt ins Bedeutende hebt, alles vom Kriminalfall und damit vom Kriminalfilm wegführt und zum Menschheitsdrama macht, ist die Szene, als die junge Frau ihren Bruder verteidigt, der gelogen hat, um sie zu schützen.

Inzwischen haben das Spiel von Kerry Fox als fanatische Richterin und Hauptdarstellerin und der Ausbruch vor Gericht, in dem die junge Frau, die ihren Bruder verloren hat, beinahe zur Hauptdarstellerin avanciert (Anamaria Marinca), dermaßen an Fahrt gewonnen, dass andere Erwägungen formaler Art nichts mehr bedeuten. Das beinahe Filmgesetz, wonach ein Happy End her muss um jeden Preis, soll der Film nicht bedepperte Zuschauer zurücklassen, ist nahe. Der Beinahe-Sieg der guten Menschen, die nach Gerechtigkeit lechzen, weil es sie beinahe nicht gibt, sieht so aus: Der große, korpulente, begüterte Freund der Anklägerin Hanna Maynhard zeigt sich enttäuscht von Hanna, die den Fall bis zum Ende aufrollen will, verlässt sie schnöde.

Die Justiz von Brüssel (der gerichtshof in Den Haag) schlägt den Prozess nieder, weil kein Kläger auszumachen ist. Und Hanna hat das Scheusal in Mannsgestalt echt geliebt. Will weitermachen. Mit der jungen Zeugin, die mit Familie jetzt in Berlin wohnt, ist sie sich einig. Gerechtigkeit statt fauler Rechtsdeals. Wir rollen erneut auf. Brüssel soll sich wundern. Ich meine, mit großer Kraft und Sensibilität und auch Geschmack für das Machbare haben die Kino-Macher das Happy End umgangen und doch nicht aufgegeben, denn die Umstände, die sind nicht so.

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