Wie weiträumig doch Goethes Utopie von den »Wahlverwandtschaften« und wie eng doch alle Realität, besonders in Preußens Provinz. Also wird Effi Briest bei Fontane ein Opfer jener Verhältnisse, denen die Wahrung des Scheins von Sitte und Ordnung wichtiger ist als diese selbst.
Junges Mädchen, das mit einem viel älteren preußischen Aktenträger verheiratet wird, erträgt dessen emotionale Dürre nicht, nimmt sich – Zeichen erotischer Emanzipation – einen Liebhaber. Die Affaire ist dann schon jahrelang vorbei, zufällig findet der Ehemann Briefe aus dieser Zeit – und nun läuft das Programm der Ächtung ab, bis zum bitteren Ende. So der Roman, so auch die bisherigen Verfilmungen. Von Marianne Hoppe über Angelica Domröse bis Hanna Schygulla sahen wir starke Frauen als Effi Briest, die dann aber doch an der Mauer der Herzenskälte zerbrachen.
Regisseurin Hermine Huntgeburth erinnert sich daran, das das reale Vorbild der Effi Briest – Elisabeth von Ardenne – keineswegs zum Opfer der Verhältnisse wurde, sondern sich, befreit von Mann, Kind und Familie, ganz allein eine neue Existenz erarbeitete (in Berlin ging das) und 99 Jahre alt wurde. Eine sinnvolle, eine plausible Korrektur der Geschichte, die sich ansonsten an die Vorlage hält und filmisch eher konservativ gibt.
Gleich die erste Szene zeigt uns einen Ball unter Kronleuchtern – und wir befürchten schon, dass hier nicht viel mehr als eine »Buddenbrook«-Variation werden könnte. Doch dann gelingt das Erstaunliche, der gediegene, sehr von außen kommende Blick erlangt mehr und mehr Intensität. Und das ist vor allem ein Verdienst großartiger Schauspieler. Julia Jentsch ist eine Effi Briest, wie man sie noch nicht sah. Welch unstillbarer Lebenshunger vibriert durch jede Faser des Körpers! Aber was sieht sie? Den Baron von Instetten (Sebastian Koch), ganz Regelwerk gewordener Mensch, ihren hölzernen Ehemann. Kessin, in seiner verschlissenen Ödnis, ein Ort der Trostlosigkeit. Aber da ist auch noch der Major von Crampas (Misel Maticevic), der ähnelt trotz Uniform schon eher einem Menschen aus Fleisch und Blut. Aber nicht er verführt sie, sondern sie sucht ihn als Ersatz für die vorenthaltene Erotik in ihrer Ehe.
Was an dieser »Effi Briest« gefällt, das sind die fein ausbalancierten Beziehungsgefüge, der Sinn für den präzise gezeichneten Charakter. Hier trägt jeder seinen Widerspruch mit sich. Das befreit von der Gefahr einer bloß abgefilmten Vorlage (mal elegisch schweifend, mal kammerspielartig direkt: Martin Langers Kamera). Unverborgen andeutungsvoll das Verhältnis von Effis Mutter (Juliane Köhler) zu Instetten. In der wohlkonservierten Erinnerung an eine frühe Liebe lebend wehrt sie die Gegenwart ihres großbäuerischen Mannes (Thomas Thieme) ab, dem alles ein zu weites Feld ist.
Was man hier wieder bewiesen findet: Starke Schauspieler machen einen Film groß, dann, wenn sie ein Regisseur nicht daran hindert, auch in der kleinsten Rolle noch die Hauptrolle zu entdecken. Rüdiger Vogler als Apotheker Gieshübler, Barbara Auer, Margarita Broich, Heike Warmuth und Sunnyi Melles gelingt genau das. Sie erzeugen jene Atmosphäre, von der ein Film lebt.
Erste unter gleichen: Julia Jentsch, eine Effi Briest, der man glaubt, dass sie an den Ritualen der Scheinmoral nicht mehr zerbricht. - Unverständlich, warum solch im besten Sinne großformatiger Film in einer Berlinale-Nebenreihe läuft und nicht im Wettbewerb. Aber dafür ab dieser Woche auch im Kino!
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