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Dreißig Jahre nach »Deutschland im Herbst« nun wieder ein filmischer Report zur Lage der Nation. Damals lag der Schatten der RAF auf dem Westteil des Landes – und heute? Wir sind wieder im Antiterrorkampf, Sicherheit statt Freiheit ist die Devise der Innenpolitik seit 2001. Das hat Folgen für den Alltag.
13 Regisseure zeigen in sehr persönlichen Kurzfilmen ihre Sicht auf dieses Land. Gut zehn Minuten für jeden, rauscht »Deutschland 09« dann in 140 Minuten vorbei. Was bleibt, sind einige grelle Bilder und das Gefühl, dass sich das Verhältnis von Gelungenem und Misslungenen immer wieder auf gleiche Weise herstellt. Ist es überhaupt sinnvoll, 13 Kurzfilme unter eine Überschrift zu stellen?
Mancher liefert hier bloß einen schrägen Einfall vom Rande (Romuald Karmakar mir dem ausrechenbar-abgeschmackten Porträt des iranischen Besitzers einer Animierbar am Kudamm), filmt die bizarre Szenerie ab und fertig – andere bauen kleine Filmkunstwerke, Miniaturen der großen Welt. Dani Levy etwa mit »Joshua« und seiner surrealen Reise zum eigenen Mittelpunkt. Das gelingt nur mit Hilfe eines Psychiaters, der »tendenzbehaftete Wahrnehmung« diagnostiziert und ihm das Psychopharmaka »Promorganas« verordnet. Danach sieht Deutschland sehr viel freundlicher aus – und wie Levy das erzählt, hat es einen skurrilen Witz, den man etwa bei Isabelle Stevers »Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten« vermisst. Schüler, die unter Anleitung ihrer Lehrerin lernen sollen, Konflikte kommunikativ zu lösen. Am Ende kommt dann heraus, was an guten Absichten von Anfang an zu erwarten gewesen war. Da dämmert dem Zuschauer einiges vom semi-diktatorischen Druck in allen von »Mediatoren« gelenkten Diskussionen. Wer sagt eigentlich, dass sich rhetorische Qualitäten und Aggressionen nicht auf ungeahnte Weise zu einer neuen Form der Gewalt verbinden können?
Zu den Regisseuren, die das Medium Kurzfilm für krass zugespitzte und ironisch gebrochene Erzählbögen zu nutzen wissen, gehört Hans Steinbichler mit »Fraktur«. Josef Bierbichler als Amok laufender FAZ-Leser, am Tage des Sündenfalls dieser Zeitung, als sie erstmals die Frakturschrift (den »Spiegel der deutschen Seele«) wegließ und sich ein frisch-freundliches Allerweltsfarbfoto auf die Titelseite setzte.
Dominik Graf sucht die Spuren seiner Nachkriegskindheit mit »dem Geruch von Eintopf, Linoleum und Putzmittel«, will Anstöße für Erinnerung finden und erschrickt darüber, wie brutal jede neue Gegenwart die Spuren des Vorherigen tilgt. Die alten, aber ehrlichen Nachkriegsbauten verschwinden. Stattdessen gesamtdeutsch Glas- und Betonpaläste, die Transparenz vortäuschen aber – wie das Hochhaus der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz unweit des Berlinale-Palastes – in Wirklichkeit für Kontrolle stehen, die ein neues totalitäres Potenzial in sich trägt. Graf ist mehr als ein filmischer Essay zur Architektur gelungen, hier geht es um das Leben mit der Erinnerung: »Diese Körper aus Stein, jetzt zum Abriss freigegeben, weil wir andere Körper wollen. Nicht, dass alle diese Häuser, diese alten Körper, besonders schön wären – sie sind wie alte Gesichter, sie haben Falten, Risse, Verfärbungen, sie sind welk und morsch. Aber die Behausungen der Geister zu zerstören, das hat noch immer Unglück gebracht.«
Hans Weingartner widmet sich in seinem Beitrag Andrej Holm, der als Soziologe den Strukturwandel der Innenstädte als eine Auflösung von Lebensräumen dokumentiert und plötzlich als Terrorverdächtiger in Haft genommen wird. Ein Quantensprung an staatlicher Überwachung und Kontrolle.
Über die wachsende Tristesse der globalen Lebenswelt hat Tom Tykwer, Initiator des Projekts »Deutschland 09«, eine kleine Parabel gedreht, die es in sich hat. In »Feierlich reist« sehen wir Benno Fürmann als Geschäftsmann durch die Welt von Termin zu Termin hetzen. Der Firmenkosmos aber bleibt so uniform wie die Hotels jener Kette, bei der er Dauerkunde ist. Es scheint überall gleich, wo derartige Geschäftsgespräche stattfinden – nur Heimat ist nirgends.
Wollte man die dreizehn Filme auf einen Nenner bringen, so könnte es der Titel eines sehr kulturpessimistischen Textes von Stefan Zweig sein: »Die Monotonisierung der Welt«.
Nächste Vorstellungen: Heute 12 u. 15 Uhr, So 15 Uhr im Friedrichstadtpalast, heute um 22 Uhr in der Urania
Prostitution: Ein Studentjob wie jeder anderer?
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