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Von Gunnar Decker 16.02.2009 /
Berlinale

Der noch zu vermessende Abstand von dir zu mir

Auf die Suche nach Heimat in einer globalen Welt wollte sich diese Berlinale begeben. Ein politisches Thema, aber auch ein poetisches. War es eine ergiebige Suche? Nur halb, dafür sahen wir zuviel solides Mittelmaß. Den erschütternden Film oder die große Schauspielerentdeckung gab es nicht.

Was auffiel: der Wettbewerb war sichtlich um Ausgewogenheit von Themen und Handschriften bemüht, zu bemüht vielleicht, so dass sich interessantere, aber weniger gremienfähigere Filme, die nicht ins Erwartungsschema passten, mehr denn je in den – starken – Nebenreihen wiederfanden.

Manchmal vermeldet Statistik auch Positives: Zehn Prozent mehr Zuschauer als im vergangenen Jahr sahen die Filme (dank des hinzugekommenen Friedrichstadt- palastes) – 270 000 in zehn Tagen. Was ein wenig schmerzte: Hermine Huntgeburths »Effi Briest« mit Julia Jentsch oder auch mein Berlinale-Lieblingsfilm »Mitte Ende August« von Sebastian Schipper hatten einfach Pech, nicht in den Wettbewerb gekommen zu sein. Schipper, der sich wie Maren Ade mit »Alle anderen« den – unlebbaren – Wahlverwandschaften zuwandte, gelang ein wunderbar rhythmischer Film über Paare und Passanten, die ihre Nähe zueinander befestigen wollen. Und dabei auf unüberwindliche Distanz stoßen. Marie Bäumer in der Hauptrolle muss man gesehen haben! Behutsam und dabei virtuos wird hier die Frage gestellt, wie man denn weiterleben soll, wenn man sein vermeintliches oder wirkliches Glück bereits gefunden hat. Ein Sieg der Bilder über die Anstrengung des Themas, die man »Alle anderen« so überdeutlich anmerkt.

Doch bei dieser Preisverleihung kam nur vor, wer es bis in den Wettbewerb geschafft hatte. Wieviel Glück und Zufall gehört doch zu dem, was als Erfolg am Ende zählbar wird! Der Rahmen der diesjährigen Preisverleihung: sachlich und eher – krisengemäß – kühl.

Sponsoren gibt's zum Glück immer noch. Auf flippige Comedie-Einlagen und nervige Musik verzichtete man diesmal. Katrin Bauerfeind moderierte den Abend dann auch wie eine der üblichen Kultursendungen auf 3-sat. Irgendwo einen Mittelweg suchend zwischen massenkulturell und elitär. Sie fand einen nachdenklichen Festivalchef Dieter Kosslick, der weniger denn je den »lustigen Dieter« seiner Anfangsjahre zu spielen bereit war. Die großen Aufregungen blieben aus, man war sich von Anfang an viel zu schnell einig über das, was gefiel und was nicht.

Und genau so diplomatisch verteilte die Jury unter Tilda Swinton nun die Preise. Hübsche Effekte gab es auch. So wurde Regisseur Andrian Biniez gleich dreimal nach vorn gerufen. Sein Film »Gigante« erzählt von der Liebe als schwieriger Relationsbestimmung zwischen Nähe und Ferne. Der Wachmann eines Supermarks verliebt sich in eine Putzfrau, die er per Überwachungskamera beobachtet. Sie anzusprechen aber traut er sich nicht. Kaum hatte Biniez den Preis für den besten Erstlingsfilm bekommen und alles, was er zu sagen hatte, gesagt, wurde er wieder aufgerufen für den Alfred Bauer Preis, den er sich mit dem polnischen Altmeister Andrzej Wajda für »Tatarak« teilte (für seine filmisch mutige Arbeit hätte dieser einen gewichtigeren Preis verdient). Und schließlich bekam Biniez noch den dritten Preis des Abends, den Großen Preis der Jury – da blieb ihm dann nicht mehr zu sagen als »Danke«.

Der Wille zum jungen Film war auch als Tendenz der Preisverleihung spürbar. Dabei gab es neben Wajda auch den hundertjährigen Manoel de Oliveira, der seinen neuen Film vorstellte, es gab Angelopoulos und Costa-Gavras, Legenden schon jetzt der Filmgeschichte. Und diese für die Atmosphäre eines Festivals so wichtige Pflege der Legenden schien mir in diesem Jahr vernachlässigt. Warum gab man nicht Wajdas Schauspielerin, der großartigen Krystyna Janda, den Silbernen Bären als Beste Darstellerin? Den bekam die junge Österreicherin Birgit Minichmayr für ihre sehr forcierte Rolle der Gitti, einer taffen PR-Frau – auch in Liebesdingen. Der Reiz von »Alle anderen« verschließt sich mir immer noch. Und auch die sehr gute Theaterschauspielerin Minichmayr in ihrer ersten großen Filmrolle wirkte hier stark überanstrengt.

Die Preisvergaberoutine sprengte auf herrliche Weise Sotigui Kouyate, Franzose, Afrikaner und Moslem. Er bekam den Silbernen Bären als bester Darsteller. »London River« ist ein Film über die Terroranschläge in der Londoner U-Bahn von 2005. Kouyate, schwerkrank und dennoch zur Preisvergabe angereist, nutzte die Zeit für einen viertelstündigen Beweis des für uns in seiner Faszination schwer begreiflichen Satzes, dass mit jedem alten Afrikaner eine Bibliothek stirbt. Wundervolle Fabeln erzählte er dem verblüfften Publikum. Die brauchten ihre Zeit, aber hatten immer einen Schluss, der den Nerv dieser und aller Zeiten traf. Wegen Kouyates Mythenunterricht vor geladenem Publikum verpasste der Goldene Bär die Tagesschau (oder umgekehrt). Was doch der Einzelne, wenn er sich selbstbewusst dem Mediendiktat entzieht, nicht alles vermag!

Der iranische Beitrag »Darbareye Elly« bekam den Silbernen Bären für die Beste Regie, eine gute Entscheidung.

Hans-Christian Schmid mit seinem wichtigen Film »Storm« über die schwierige, fast unmögliche juristische Aufarbeitung des Balkankrieges, ging völlig leer aus, keine gute Entscheidung. »Alle anderen« hatte es Jury und einem Großteil der Kritiker sichtlich angetan, so bekam dieser strapaziöse Urlaub auf Sardinien mit seinen aufdringlichen Bergman-Implikationen auch noch den Großen Preis der Jury, den er sich mit dem Preis-Abräumer »Gigante« teilte.

Gefreut habe ich mich, dass »Katalin Varga«, ein ungarisch-rumänischer Beitrag in der Regie des Engländers Peter Strickland, der in ursprungsmächtigen Bildern von der mythischen Dimension der Schuld erzählt, zumindest den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung (für »Sounddesign«) bekam.

Der Goldene Bär ging schließlich an den peruanischen Film »La Teta Asustada«. Als Hauptdarstellerin Magaly Solier den Bären in Händen hält, singt sie eines der Lieder aus den Anden, die ihr – das spürt man an der Art, wie sie singt – noch ganz selbstverständlich Heimat sind. Es ist dasselbe Lied, das sie schon auf der Pressekonferenz gesungen hat. Heimat scheint doch noch nicht für alle ein verlorener Kontinent.

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