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Von Thomas Grossman 23.02.2009 /

Ich will die Welt nicht verändern

Die Punk-Folk-Legende Billy Bragg trat im Berliner Kino »Babylon« auf

Billy Bragg grüßt sein Publikum.
Billy Bragg grüßt sein Publikum.

Er ist eine Punk-Folk-Legende, ein Protest-Sänger, einer der beliebtesten Pop-Musiker Englands, und selbst die Londoner »Times« nannte ihn einen »nationalen Schatz«. Billy Bragg (51) trat am Samstagabend im Rahmen des »Festivals Musik und Politik« im fast ausverkauften Berliner Kino »Babylon« auf. Er sang Folk, Punk und Pop, brachte Songs voller Intelligenz, Poesie und Witz, mischte alte und neue Songs und bot auch zwei Coverversionen (»The Dolphins« von Fred Neil und »Reason To Believe« von Rod Stewart).

Kurz nach 21 Uhr erschien jedoch zuerst die Band »Blackfire« aus Arizona – drei junge Navajo-Indianer, alles Geschwister, zwei Männer und eine Frau. Sie vermischten Punk, Ska und Rock mit indianischer Musik und machten auf die Probleme ihres Volkes aufmerksam: Zwangsumsiedlungen, Umweltzerstörung durch große Konzerne und politische Gefangene. Und sie tanzten mit riesigen Reifen auch einen Navajo- »Hoop«-Dance.

Dann erschien Billy Bragg, ärmelloses Hemd, Jeans, kurze Frisur, und griff in die Saiten seiner Elektrogitarre (später sollte er dann auf eine akustische Gitarre wechseln). Eine Zeitschrift nannte ihn einmal nach der linken britischen Band »The Clash« eine »Ein-Mann-Clash-Ausgabe«. Das trifft es! Und Braggs kräftige Stimme drang bis in die letzten Ritzen des großen Saales.

Der Sänger aus Barking (Essex) bot den kräftigen Song »There Is Power In The Union«, ein Traditional, zu dem er einen neuen Text geschrieben hat. Der Song, der sich gegen Krieg, Brutalität und ungerechte Gesetze wendet und trotzig die Gewerkschaften feiert, entsprang dem großen verlorenen Bergarbeiterstreik 1984/85 in Großbritannien, für den sich der junge Billy mit aller Kraft eingesetzt hatte.

Viel Beifall erhielt Bragg für seinen vielleicht größten Hit, »A New England«, mit dem ironisch-satirischen Refrain: »Ich will die Welt nicht verändern, ich will kein neues England aufbauen – ich bin nur nach einem neuen Mädchen aus.« Die Sängerin Kirsty MacColl landete mit dem Song 1985 einen Hit und verschaffte Bragg damit großes Ansehen als Songautor. Im »Babylon« sangen viele den Refrain mit.

Mit dem Lied »Accident Waiting To Happen« warnte Bragg dann vor Faschisten. Zerschlagt den Faschismus, rief Billy danach in die Runde. Auch ein weiterer Song beschäftigte sich mit diesem ernsten Thema.

Bald stimmte Bragg den »Milkman of Human Kindness« an, ein Lied von seinen Anfängen als Musiker, als er noch ganz jung und gerade dabei war, sich zu etablieren. Zuvor arbeitete er in einem Plattenladen, als Bankbote, Tankwart, Schafhirte und sogar als Pudelfriseur. Er ging arbeitslos zur britischen Armee, kaufte sich nach 90 Tagen für 175 Pfund wieder frei, sang als Straßenmusikant und im Vorprogramm von unzähligen Bands. Und immer wieder saß ihm der Schalk im Nacken. Um in einem Plattenverlag vorsprechen zu dürfen, verkleidete er sich als Fernsehmonteur. Und um in der BBC gespielt zu werden, brachte er dem Moderator John Peel, als dieser beiläufig erwähnte, er sei hungrig, schnell ein asiatisches Gericht.

Etwa in der Mitte des Konzertes brachte Bragg dann das melodische »Way Over Yonder In The Minor Key«, ein Lied, dessen Text von dem großen USA-Songwriter Woody Guthrie (1912-1967) stammt. Die Melodie hat Bragg hinzugefügt. Zwei ganze Alben mit Liedern von Guthrie veröffentlichte er vor etwa zehn Jahren. Auch einen weiteren Song von Guthrie bot Bragg am Sonnabend – »I Got No Home In This World Anymore«, aus der Zeit der Großen Krise. Und vielleicht, so Billy, werden wir Lieder aus diesen schlimmen Zeiten bald öfter singen.

Dann erinnerte er an seine Auftritte auf dem Festival des Politischen Liedes in der DDR, dem Vorläufer des jetzigen Festivals. Ein erstes Mal war er 1986 da und ging danach, wie viele Musiker – bei eisigen Temperaturen – auf Tour durch die DDR. Doch im Februar 1989 wurde er aus der DDR abgeschoben! In der Berliner »Wabe« erzählte Bragg am Samstagnachmittag bei einer Podiumsdiskussion mit Hans-Eckardt Wenzel, wie es dazu kam. Billy hatte sich fest vorgenommen, politisch nicht anzuecken, aber als eine Frau ihn bei einer Debatte nach Perestroika und Glasnost fragte, antwortete er, beides gehe ja wohl nicht, entweder Glasnost oder die Mauer. Und wurde prompt ausgeflogen, worüber er sehr traurig war, hatte er doch die Möglichkeit gehabt, mit den einfachen Leuten in der DDR zu reden. Eine Möglichkeit, von denen auch viele andere Musiker des Festivals Jahr für Jahr freudig Gebrauch machten.

Immer wieder sang Billy im »Babylon« auch feinfühlige Liebeslieder. »Braggs linkische Zärtlichkeit trifft einfach voll ins Herz«, schrieb der deutsche «Musikexpress« einmal. Und das bringt es auf den Punkt! Billy selbst hat nachgerechnet und kam dann zu dem Schluss, dass er viel öfter über Liebe als über Politik singe. Und er gesteht auch, dass er Zuhörer, die mit linker Politik nichts am Hut haben, mit Liedern über die Liebe anlocke.

Überaus gelungene Songs bot Billy auch von seinem im letzten Jahr veröffentlichten neuesten Album »Mr. Love & Justice«. Da kam der Titelsong, in dem Bragg über seinen künftigen Weg philosophiert, und »Sing Their Souls Back«, in dem er eindringlich wünscht, dass die britischen Soldaten wieder heimkehren. Auch »I Keep Faith« kommt von Billys letzter Platte, und Bragg erklärte dann zum Schluss, das er – gemäß dem Song – Vertrauen in alle habe, die an diesem Abend da waren. Vertrauen, dass sie versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

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