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Von Thomas Klatt 02.03.2009 / Inland
20 Jahre nach '89 - 52 Geschichten

Talk im Turm

Die geheimen Theologengespräche im Roten Rathaus

Der Teil 9 unserer ND-Serie befasst sich mit den Kirchen in der DDR. Thomas Klatt, evangelischer Theologe und langjähriger Mitarbeiter der Redaktion Religion und Gesellschaft des heutigen Rundfunksenders rbb ist Spuren des Kirchendialogs in Ostberlin nachgegangen. Die ND-Serie »20 Jahre nach '89« erscheint das ganze Jahr über jeweils in der Montagausgabe.
Rotes Rathaus und Nikolaikirche in Berlin ND-
Rotes Rathaus und Nikolaikirche in Berlin ND-

Vor zwanzig Jahren war das Rote Rathaus von Berlin kein öffentlicher Ort. Das Hauptportal war in der Regel geschlossen. Besucher wie Angestellte mussten den Diensteingang in der Jüdenstraße benutzen. Und auch Pfarrer gingen hier 15 Jahre lang ein und aus, von 1974 bis 1989. Bis heute wissen im Grunde nur die daran Beteiligten von der Existenz der zum Teil intensiven, aber geheimen Staat-Kirche-Gespräche.

Direkt unter dem Rathausturm traf man sich im fensterlosen Turmzimmer, erreichbar über eine separate Treppe vom Hauptportal aus, abgeschirmt von der HO-Gaststätte. Das achteckige, gemütlich klimatisierte »Heiligtum« des Roten Rathauses bot Platz für etwa 30 Personen, ein Raum für besonders honorige Gäste.

»Derjenige, der später verkündet hat, dass die Mauer offen ist, war öfter da. Egon Bahr habe ich dort kennen gelernt. Der ist einmal viel zu früh gekommen. Wir haben ein Bier getrunken und ich musste hinterher Rechenschaft ablegen, worüber wir uns unterhalten haben. Wir durften nur auf die Leute zugehen, aber nichts sagen«, erinnerte sich der damalige HO-Gaststättenleiter Hartmut Wellner. Nach der Wende wurde er Gastronomiechef des Berliner Fernsehturm am Alex, seit zwei Jahren genießt er seinen Ruhestand.

Auf Einladung des Magistrats von Berlin – Bereich Inneres, Referat Kirchenfragen – wurden Pfarrer und Theologen aus der Hauptstadt der DDR in unregelmäßigen Abständen zu den so genannten Theologengesprächen geladen. Zumeist fanden die Treffen nachmittags im Turmzimmer des Roten Rathauses statt. In den Akten des früheren DDR-Innenministeriums findet sich für fast jede Sitzung eine HO-Quittung über 25 Kännchen Kaffee und 50 belegte Brötchen. Die Einladungen zu den Diskussionen ergingen nur mündlich – auf der Liste standen die Telefonnummern von etwa drei Dutzend Berliner Pfarrern.

Gefragte Meinungen

Gespräche zwischen Genossen und Pfarrern gab es allerdings schon in der ganzen Republik, nämlich in den Arbeitsgemeinschaften »Christliche Kreise« der Nationalen Front. Doch diese waren den meisten Pfarrern auf die Dauer suspekt und zu langweilig: »Das waren mehr Vorzeigeveranstaltungen. Zu einem wirklich offenen Dialog zwischen SED-Genossen, Mitgliedern der Blockparteien und Angehörigen der Kirchen war man nicht bereit«, sagt Manfred Punge, damals Mitglied der Studienabteilung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Im Roten Rathaus sollte es anders laufen. Jedes Turmzimmergespräch war als Referat mit anschließender Diskussion angelegt. Da gab es programmatische Titel wie »Entstehung und Entwicklung der DDR – Gesetzmäßiges Ergebnis des Kampfes der fortschrittlichen Kräfte für einen neuen kommunistischen deutschen Staat« (am 6.11.1978) und »Die DDR, Erbe alles Progressiven« (am 26.6.1978). Aber es standen auch weniger staatskonforme Fragen auf der Tagesordnung: Umweltschutz, Menschenrechte, internationale Solidarität, Friedenssicherung und Einschätzung der BRD. Jedes Gespräch wurde protokolliert. Über die kritischen Haltungen zum Wehrkundeunterricht heißt es im Eintrag vom 22. Mai 1978: »Pfarrer Krätschell ist besorgt um das Ansehen der DDR. Der Wehrkundeunterricht könnte der Außenpolitik schaden.« Es fehlte indes auch nicht eine politische Einstufung der beteiligten Pfarrer: von »loyal-positiv« über »kritisch-schwankend« bis »kritisch-negativ«.

Stephan Mußler, Referent für Kirchenfragen beim Berliner Magistrat von 1982 bis 1989, meint in der Rückschau: »Natürlich waren wir davon überzeugt, dass wir die guten und richtigen Argumente hatten, und dass die Kirchenvertreter irgendwann erkennen, dass der Sozialismus eine ganz tolle Sache ist. Umgekehrt waren aber auch die Informationen und Meinungen der Pfarrer oben in der Partei sehr gefragt und wurden interessiert gelesen. Man betrachtete die Kirche als international wichtig für die DDR und bemühte sich, im Inneren ein gutes Verhältnis zu schaffen. Man wollte Konfliktpotential nivellieren.« Mußler, der nach der Wende eine Anwaltskanzlei im brandenburgischen Beeskow öffnete, betont ein Klima der Offenheit in den Gesprächen.

Hoffnung: echter Dialog

Allerdings wurden die Themen nicht bis zur letzen Konsequenz ausdiskutiert, sagt der ehemalige Studienleiter der Evangelischen Akademie Ost-Berlin, Pfarrer Rainer Graupner. »Zum echten Dialog ist es ganz selten gekommen. Wenn die Auffassungen zu unterschiedlich wurden, ist das mit Floskeln und Formeln zugekleistert worden.« Er habe aber die Hoffnung gehabt, dass sich auch in der DDR ein echter Dialog zwischen Staat und Kirche entwickeln könne, wie es ihn etwa in Frankreich und Italien zwischen Marxisten und Christen gab, sagt Graupner.

Um die Gefahr wissend, von den Genossen vielleicht nur ausgehorcht zu werden, bemühten sich die teilnehmenden Pfarrer, ihre Kritik konstruktiv in das Gespräch mit dem Staat einfließen zu lassen. Sie wollten an der Verbesserung der DDR-Gesellschaft mitarbeiten.

Pfarrer Punge erinnert dazu an das kirchliche Engegement beim Thema Homosexualität. Die Kirche sei lange die einzige Einrichtung gewesen, die Lesben und Schwulen Räume zur Verfügung gestellt hätte. Magistratsreferent Mußler habe dabei geholfen. Punge: »Da wurde ich gefragt: Warum fühlen sich diese Schwulen und Lesben in der DDR nicht wohl? Sehr viele stellten Ausreiseanträge, warum eigentlich? Der Paragraph 175 ist außer Kraft, also juristisch ist das Problem bei uns gelöst. Wir argumentierten: Juristisch ja, aber im Alltag gibt es so viele Probleme für Lesben und Schwule, die Tabu sind. Mußler hat Gespräche vermittelt und seitdem ist die Schwulenarbeit in der Kirche relativ unangefochten über die Bühne gegangen.«

Gab es also doch ein schiedlich-friedliches Leben der »Kirche im Sozialismus«, wie es Bischof Schönherr 1978 beim Treffen mit Honecker formulierte? Klaus Galley, ehemaliger Studenten- und Gemeindepfarrer in der Gemeinde am Fennpful in Berlin-Lichtenberg, meint: »Wie es in Lateinamerika eine Kooperation zwischen Christen und Sozialisten oder Kommunisten gegeben hatte, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern, so hätte ich mir das auch für unser Land gewünscht. Insofern war die Formel für mich mehr als nur eine geographische Bezeichnung.«

Und Manfred Punge: »Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem alten Genossen, der im KZ gesessen hat. Er war mein Tischnachbar und sagte zu mir: »Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mal mit Pfarrern zusammen an einem Tisch sitze. In den 20er Jahren habe ich die Pastoren nur auf der Seite der Reichen und Unternehmer erlebt. Dieses Vertrauensdefizit, das war historisch, und das wollte ich gerne überbrücken.«

Am 2. Oktober 1989 fand wieder ein Turmzimmergespräch statt. Das Protokoll vermerkt: »Das Theologengespräch stand unter dem Thema ›Tradition und Erbe in der Geschichtsauffassung der DDR‹. An der Veranstaltung nahmen 14 kirchliche Amtsträger teil. Unentschuldigt fehlten 3 Vertreter. Ein Pfarrer hatte schriftlich mitgeteilt, dass er angesichts der aktuellen Situation am Dialog mit dem Staat nicht mehr interessiert sei.« Was noch niemand ahnte: Es war das letzte dieser Gespräche. Kurz darauf brachen die letzten Tage der DDR an.

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