ND: Auf den ersten Blick erscheint »Der einsame Weg« als ein furchtbares Konversationsstück. Man sagt etwas, obwohl man eigentlich nichts zu sagen hat. Sprache als Geräusch, das man produziert, nur weil man die eigene Sprachlosigkeit nicht mehr aushält. Die Folge: totale Selbstentfremdung. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Stück für Ihre erste Regiearbeit am Theater gewählt?
Petzold: Das Deutsche Theater hat mir mehrere Stücke angeboten. Darunter waren auch Ibsen und O'Neill. Als ich Schnitzlers »Der einsame Weg« das erste Mal las, habe ich es in die Ecke geworfen. Was für ein scheußlicher Konversationsstil, dachte ich. Was für eine entsetzliche Art, immer nur über Abwesende zu sprechen! Das kam mir vor wie das geschwätzige deutsche Fernsehen mit seinen Polizeistationen.
Aber dann hatte Schnitzler die größere Spätwirkung. Ein Komplex, der durch das Stück keine Ordnung erfährt! Der sich auch nicht einfach ordnen lässt. Unordnung ist interessant für die Bühne.
Aber die Bühne ist für Sie ein ungewohntes Terrain?
Ich misstraue dem Theater.
Warum?
Ich glaube, das Kino – und besonders das Kino in Deutschland – leidet unter dem Theater. Nicht zufällig haben wir diesen unheimlichen Wust an Literaturverfilmungen. Man denkt, weil es ein historischer Stoff ist, müssen die Leute wie auf dem Theater laufen. Und dann werden Theaterschauspieler geholt und müssen spielen, als seien sie Theaterschauspieler.
Nina Hoss läuft höchst beeindruckend durch Ihre Filme, aber auch über die Bühne. Kann man solchen Stücken am Ende vielleicht nur noch mit Ironie begegnen, bis man dann auf jene wenigen echten Schmerzpunkte stößt, an denen die Decke der Lüge für kurze Momente aufreißt?
Nein, Ironie geht dabei gar nicht.
Stimmt, Sie sind der nichtironische deutsche Filmregisseur schlechthin.
Wenn ich eins gelernt habe während meiner Zeit als Beleuchter an der Schaubühne …
…. also haben Sie doch schon am Theater gearbeitet …
Ich habe mir oben von der Rasterdecke auch Proben angeschaut. Und wenn ich dabei also eins gelernt habe, und zwar vom Schaubühnen-Dramaturgen Dieter Sturm, so ist es, dass ein Regisseur nie klüger sein darf als seine Figuren. Also kein Ironisieren von alten Neurosen, alten Ausbeutungsverhältnissen. Ironie schiebt weg. Ironie ist eine falsche Warte Gottes. Ironisch hätte ich gar nicht erst angefangen zu arbeiten. So wie wir auf die Dritte Welt schauen, schaut die Ironie auf die Stücke. So reden die FDPler über Steinkohlesubventionen.
Eine sehr negative Sicht auf die Ironie!
Ironie ist eine Weise zu glauben, dass man sich mit seiner Wischi-Waschi-Sozialisation in der Bundesrepublik erheben kann über den Schmerz der Dritten Welt. Oder eben über den Schmerz der Leute des 19. Jahrhunderts. Das finde ich ekelhaft. Das 19. Jahrhundert arbeitet weiter an uns. Es ist ja nicht so, dass ich am Theater reüssieren will. Das soll eine einmalige Geschichte bleiben.
Das wissen Sie jetzt schon?
Was mich am Theater gereizt hat, ist: mit einem großartigen Ensemble einen Raum zu bilden, der sich über Dialog, Tanz und Rhythmus aufbaut. Diese Empathie mit Vergangenem! Fernab von den realistischen Räumen, mit denen man es beim Film immer zu tun hat, schon weil es eine fotografische Kunst ist. Ich wollte da mal raus.
Nina Hoss hat gesagt, diese Intensität des Arbeitens, die sie vom Theater kennt, erlebe sie sonst nur noch bei Ihnen.
Es ist doch so: In Frankreich oder Amerika wird beim Film wesentlich mehr geprobt. Also gerade nicht auf Probebühnen, nicht an einem Nicht-Ort. Denn die Orte, an denen die Filme spielen, sind Teil des Bildes, der Seele, der Aura. Und man kann nicht ohne Aura proben. Darum probe ich nur an Originalschauplätzen. Filme haben, wenn sie gut sind, einen Alltag. Für das Theater aber bleibt dieser ein fast unlösbares Problem. Darum stehe ich, aus meiner Arbeit als Filmregisseur kommend, dem Theater auch feindlich gegenüber. Eben weil es bei uns – anders als in Frankreich oder in Amerika – die Kultur des Filmschauspielers nicht gibt. So hat man oft dieses körperlose Spiel von Theaterschauspielern, die im Film ihre Texte aufsagen.
Und da hat Sie Nina Hoss nicht vom Gegenteil überzeugen können?
Doch, hat sie.
Und wie sieht der Originalschauplatz von »Der Einsame Weg« aus?
Vor allem leer. Bei Schnitzler ist das auch so. Trotz aller realistischen Überfülle. Wenn in seinen Regieanweisungen eine Gartenbank oder ein Keks auftauchen, ist das für ihn beinahe ein Fall von Überdekoration. Und wie abfällig er die erwähnt. Eben weil seine Figuren schon fast keine physische Realität mehr besitzen.
Haben Sie eine Gartenbank?
Nein. Nur eine grellhelle leere Bühne. Ich glaube, diese spezifische Raumlosigkeit bei Schnitzler hat mich am meisten interessiert. Das sind ja alles Leute, die schon mit Anfang vierzig an Krankheiten sterben, die von innen kommen. Kein Außen mehr: Zuerst verschwindet der Tisch, dann verschwinden die Stühle. Das ist ein wenig wie bei Buñuels Würgeengel. Und übrig bleibt ein Schlachtfeld.
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