Die Bedeutung der Qualifikation nimmt für die Beschäftigten zu. Nach dem Berufsbildungsgesetz soll im Betrieb die berufliche Handlungsfähigkeit vermittelt werden und nicht nur einzelne abgrenzbare Fertigkeiten. Diesen umfassenden Ausbildungsbegriff sehen Gewerkschafter durch den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) gefährdet, falls sich das angelsächsische Modell der Häppchen-Ausbildung durchsetzt. Ziel der EU-Mitgliedsstaaten ist, einen einheitlichen Rahmen für die Vergleichbarkeit der Ausbildung bis 2012 zu erreichen.
Die Bundesregierung will sich mit dem »Deutschen Qualifikationsrahmen« (DQR) auf diese Diskussion vorbereiten. Neben Bildungsexperten arbeiten auch Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften den DQR mit aus. »Nach vielen Diskussionen sind wir auf einem guten Weg«, sagt ver.di-Bildungsexpertin Uta Kupfer. Wichtig bei der Ausgestaltung sei, dass die höchsten Niveaus nicht automatisch und allein auf akademischen Bildungswegen zu erreichen sind, sondern dass beruflich erworbene Fähigkeiten gleichwertig sein können – eine alte Gewerkschaftsforderung. Das duale Ausbildungssystem der Bundesrepublik genieße weltweit einen guten Ruf, da es Praxiserfahrung und Lernen der Theorie in einer umfassenden Ausbildung verknüpft, betont Kupfer.
Bildungsforscher Harry Neß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung hat maßgeblich den »Profilpass« entwickelt, in dem die individuellen Kompetenzen beschrieben werden. Unabhängig sei die Frage des Erwerbs des Wissens, sei es im Arbeitsprozess, in Universität oder Schule, sagt Neß. Die Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit sei nicht mehr ohne Weiteres möglich, da die Übergänge fließend seien: Produktionsmitarbeiter übernehmen Aufgaben, die vormals noch Angestellte in separaten Abteilungen ausgeübt haben. Sie führen die Material-Disposition aus, übernehmen Vorbereitungstätigkeiten und Wartung der Anlagen. Bei Teamarbeit suchen Arbeiter, angestellte Elektriker, Ingenieure und Softwarespezialisten gemeinsam nach Problemlösungen und vertreten sich auch oft bei einer Reihe von Tätigkeiten gegenseitig. »Der DQR darf nicht zu einem Zerschneiden der Berufe führen, sondern muss zur Durchlässigkeit und Vergleichbarkeit beitragen. Da ziehen Arbeitgeber und Gewerkschaften an einem Strang«, bekräftigt Uta Kupfer von ver.di. Kompetenzen sollten gewichtet und europaweit vergleichbar werden. Kupfer sieht reelle Chancen dafür, dass künftig das gesamte, lebenslang erworbene Know-how von Beschäftigten zählt, nicht nur ein offizieller Abschluss.
Kritiker sehen dagegen die Tendenz zur Schwächung des dualen Ausbildungssystems über die europäische Ebene nicht gebannt. Bestätigt sehen sich Skeptiker durch die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage, ob die EU-Entwicklung auch dazu führen wird, dass sich deutschlandweit Bildungswege besser vergleichen lassen. Das beträfe auch die Berufsschullehrpläne. Die offizielle Regierungsantwort lautete schlicht: Dafür »tragen die Länder Verantwortung.« Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ließ im letzten Jahr lediglich ein Konzept zur »Modulausbildung« erarbeiten. Danach sollen Ausbildungsberufe nur noch als einzeln Teilqualifikationen mit Zertifikat existieren. Wie der Deutschen Qualifikationsrahmen auf europäischer Ebene vertreten wird, bleibt also abzuwarten.
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