Ulbricht steht auf, verlässt mit seinem Tross das Berliner Kino »Kosmos«, bevor sich der Vorhang überhaupt öffnet: 1968, skandalöse Premiere von Egon Günthers DEFA-Film »Abschied« nach Johannes R. Becher; Günter Kunert hatte das Drehbuch geschrieben. Der Autor in seinen Erinnerungen »Erwachsenenspiele«: »Teils ist es erstaunlich, teils befriedigend für uns, festzustellen, wie nahtlos sich diese Regierung und ihr Militär mit der Herrschaft des Wilhelminischen Reiches identifiziert.«
Zwei Jahre später, Parteileitung des Schriftstellerverbandes Berlin. Kunert wird hinzitiert, in diesem »Gespräch« erfährt der Schriftsteller: »Biermann kann die DDR nicht kaputtmachen, auch Stefan Heym kann die DDR nicht kaputtmachen und auch Kunert nicht. Aber die DDR kann Kunert kaputtmachen!«
Bis dahin hatte der Lyriker, Hörspielautor, Essayist und privilegierte Reisende (»Englisches Tagebuch«, »Der andere Planet«) schon Einiges an Schikane hinter, aber bis zum Wechsel in den Westen, 1979, auch noch einiges vor sich. Bereits im Dezember 1962 hatten nach dem experimentellen Fernsehfilm »Fetzers Flucht« im ND Leser gemeint: Wer so was verfasse, sei ein Fall für die »Nervenheilanstalt«.
Kunert lebt inzwischen seit langem dort, wo Nerven wahrlich Heilung erfahren können: in Kaisborstel bei Itzehoe, Schleswig-Holstein. Der Ort mit den Katzen. Der Ort mit dem nach Norden immer höher werdenden Himmel.
Der Schwarzseher, der Pessimist, ja: der Nihilist. So die gängigen Urteile über einen Dichter, dem tatsächlich das Abseits jener gute Ort ist, an dem wir Menschen – eine Kollektivität aus unzähligen Einsamen – unsere »dreiste Nichtigkeit« behaupten. Nur: Wäre Kunert einzig und allein das, was man ihm an Schablonen seit langem zumutet, so müsste sich zusehends das Bild eines vergrübelt Abgewandten, ins Innerliche Abgewichenen ergeben. Das lyrische Ich in Kunerts Werk beobachtet und registriert offenen Augs einen desolaten Wir-Zustand, aber jeder Text dieses Dichters strahlt noch in seinen tiefen Dunkelheiten eine beseelte Existenz-Pfiffigkeit aus, er hat ein zwar skeptisches, aber doch engagiertes Weltverständnis.
Dieser Bruder Kleists im Geiste weiß einerseits um die blutigen Widersprüche jeder Zeit, »die aufzulösen Erlösung bedeuten würde« – welche freilich nie eintreten kann. Aber andererseits: Dem großen Unstern seines Schicksals folgt der Mensch immerhin lebend, und der Dichter dichtend, und beides bedeutet: Handlungskompetenz. Zwischen Enthusiasten der Weltveränderung und Gegenaufklärern sitzt Kunert bei seinen Katzen. Eingepolstert in der Routine des Mannes, der nur noch hohe Himmel braucht, nicht hohe Ziele. Wo Sprache noch eine Form bildet, gibt es inmitten aller Unhaltbarkeiten etwas Haltbares. Wo der Abgrund noch herbeigeschrieben werden kann, fand noch kein wirklicher Absturz statt. Wo das Ereignis nicht nur bedrückender Fakt ist, sondern berückende Poesie, ist schon aufs mögliche Gegenteil von Untergang und Finale verwiesen: »Von der Lektüre gefesselt, fallen die Fesseln der Wirklichkeit.«
Kunert sieht Geschichte als periodische Rückkehr von Katastrophen, deren Lehrwert minimal ist. Aber stete Deutlichkeit im Verlorensein – kann sie nicht auch erfrischend immun machen gegen die Versuchung, sich rückhaltlos aufzugeben? Wird nicht just das, was uns immer verborgen bleibt, zum wahren, unversieglichen Antrieb, nach Sinn zu suchen? Vom Grund seiner tiefen Zweifel am gesellschaftlichen Fortschritt hat dieser Dichter die Entdeckung mitgebracht, dass es eine aufrichtende Energie der Verneinung gibt, die es mit dem klobigen Schwung alles bejahenden Denkens äußerst geistreich aufnimmt: »Gedenke Majakowskis/ in der Gummizelle der Utopie./ Das gekränkte Ich rebelliert/ gegen seine Niederlage/ als Sieger der Geschichte.«
Der Schriftsteller Kurt Drawert hat Kunert beschrieben als »die leise, so leicht zerbrechliche Stimme, tauglich noch gerade, Gedichte zu sprechen« – und ausgerechnet diese Stimme habe »Diktaturen überlebt, an Versuchungen und Gefährdungen vorbei«. Immer strahlt der 1929 Geborene etwas aus, das einer Mischung von Eulenspiegelei und Dünnhäutigkeit nahe kommt. Eine Bärenkraft an Ohnmächtigkeit sozusagen. Ein sensibler Mensch, ständig in Konflikt mit Lebensumständen, die von anderen bestimmt werden. Das kann die Sehnsucht nach jenem Tag befördern, da man nur noch unversöhnlich, hart sein möchte. Kunert wurde es, gegen IMs, gegen ganz bestimmte Autoren im Nachwende-PEN. »Wer kommt denn und entschuldigt sich? Immer muss die Wahrheit aus den Verantwortungsträgern, aus den Spitzeln und aus anderen Zuträgern herausgetrieben werden. Bei mir hat keiner geklingelt und um ein Gespräch gebeten.« So Kunert in einem ND-Interview, im November 2002).
Für den Sohn aus einer Ehe, die im Dritten-Reich-Jargon »Mischehe« hieß, begann schon früh das, was er später »eine staatlich verpfuschte Kindheit« nannte. Die DDR lieferte ihm dazu den staatlich verpfuschten Traum von besseren Verhältnissen. So entstehen Gedichtbandtitel wie »Abtötungsverfahren«, »Fremd daheim«, »Abschied von Utopia«, »Ohne Botschaft«. Oder der jüngste, soeben erschienene Band: »Als das Leben umsonst war«. Nicht zu verwechseln mit: vergeblich!
Die Nazizeit: ein lebensrettender Isolationszwang. Vielleicht eine Prägung für kommende Hypochondrie. Die bei ihm ausbrach, wenn es um Gruppenkonsens und das »Gemenge gleichgearteter Kumpanei« ging. Der junge Kunert war 1948 in die SED eingetreten, er hatte Graphik studiert, nun wird er, der Lyriker, auch mehr und mehr zum Meister lakonischer Kurzprosa – im Stil jener »Denkbilder«, wie Walter Benjamin seine literarischen Bruchstücke nannte. Texturen zwischen Reflexion und Anschauung, kristallin, als stünde der Komponist Webern Pate.
Was bewog Kunert nach Kriegsende, in der DDR ganz selbstverständlich »am großen Werk des Geschichtswandels« teilzunehmen? Es war die Faszination, die der praktische Marxismus auf viele Künstler und Intellektuelle ausübte. Der Marxismus bot als einzige Religion Praxis an; das Christentum aller Kirchenversionen war längst auf der Gegenseite: eine Lippengebetsreligion zur Ertötung aller praktischen Bedürfnisse. »Die Tausendäugige Partei war die Gewähr«, hat Martin Walser geschrieben, es sei »lächerlich, wenn heute irgend einer, der auf dem Bizeps hiesiger Herrschaft sein hübsches Nest hat«, solchen Dichtern wie Brecht (oder eben auch Kunert) einen Parteidienst vorwirft. Das war die verlockende Dialektik-Verherrlichung: Sprechen darf nur, wer hört. Lehren darf nur, wer lernt. Was so begeisterte, war die Struktur einer Theorie, die »alles Unwägbare ausschied, alles Fragwürdige, Relative, Unerwartete und Zufällige«.
Allmählich aber, unter wachsenden Anfeindungen, sieht sich Kunert enttäuscht. Die Konsequenz: »Unabdingbar gilt, im Einklang nur mit sich selbst zu sein.« In jeder, selbst der besten Gesellschaft müsse sich das Individuum davor schützen, in Gänze aufzugehen in Sinn und Soldatei einer Idee. Eine Idee schneidet ab von der Menschennähe, die durch das Bewusstsein unseres Sterbenmüssens entsteht. Der Marxismus war etwas, das in den Beschwörungen der befreiten Menschheit nichts anzufangen wusste mit den seelischen Untiefen des Einzelnen. Die Wahrheit wird in einem Menschen geboren und verliert sich in allen, die gemeinsam eine Partei bilden. Wo man sich einer Sache hingegeben habe, sagt Kunert, müsse neben der berechtigten Trauer über die Vernutzung eines Ideals die Frage zugelassen sein, ob man mit einem Übermaß an Disziplin und Gehorsam nicht auch »einen Teufelspakt auf selbstverschuldete Unmündigkeit« schloss.
Kunerts Kritik an jeweils geltender Moral und naturzerstörender Fortschrittsgewalt hat in gelebter Freiheit nie an Unbestechlichkeit verloren. Auch in der Bundesrepublik blieb er der spröde Einsame, der clowneske Melancholiker, der trollartige Außenseiter, der Scheue von »nebendraußen«, wie es der Dichter Hermann Lenz einmal formulierte. Wenn er einen weisen Rat hat, dann diesen: »Seien Sie vorsichtig bei Weltuntergängen.«
Soeben erschienen: Günter Kunert: Als das Leben umsonst war. Gedichte. Hanser Verlag München. 160 S., geb., 15,90 EUR.
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