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Von Helmut Richter 01.04.2009 /

Auch Verleger lassen verlegen

Elmar Faber zum 75. Geburtstag: Sein Debüt als Belletrist und eine Ausstellung in Leipzig

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Mitten im heißen Frühling dieses sonderbaren Jahres stand Elsa Maisel auf dem höchsten Punkt der heimatlichen Berge und dachte sich in die Welt hinaus« – schon mit diesem ersten Satz der ersten von insgesamt zehn Erzählungen, mit denen der Verleger Elmar Faber jetzt als Belletrist debütiert, sie heißt »Die Buckelapotheke«, teilt sich uns der Grundton mit: Man empfindet sofort, dass die »heimatlichen Berge« heimatlich auch für den Erzähler sind, aber Elsa Maisel denkt sich in die Welt hinaus, sie träumt nicht. »Tümelei« wabert nicht in den Tälern.

Wenn man über den Autor Elmar Faber reden will, muss man zuerst seine Essayistik erwähnen, zuvörderst die mehr als 100 Arbei- ten zu Themen der Buchkunst und der Buch- und Verlagsgeschichte, mit denen dieses bestaunenswerte und höchst bedeutende Verlegerleben sich vorbereitet und immer wieder grundiert und orientiert hat. Danach aber sofort die Nachwendetexte zur galoppierenden Zeitgeschichte der Bücherwelt. Sie sind unter den Buchtiteln »Fort ins gelobte Land« und »Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phantasie« ediert worden und oft wahre Wenderomane: Tatsachenromane! Mit Sätzen wie diesem: »Ich habe mehr Furcht vor den herrschenden Freiheiten als Furcht, die meinige zu verlieren.«

Das mag manchem Leser in den Jahren der Hoffnung wie eine sehr spitze Zuspitzung oder gar wie Selbstgefälligkeit vorgekommen sein, heute aber – im fassungslosen Erschauern über den mafiosen Umgang mit dem besagten Grundrecht – ist nur noch die Hellsichtigkeit der Sentenz zu bewundern.

Freiheit ohne Verantwortung – wir alle sind Zeugen – führt direkt in die Katastrophe. Dieser feinsinnige Analyst pflegt gelegentlich von sich selbst zu sagen, er habe linke Gesinnungen und bürgerliche Tugenden; und das sagt er mit sehr mokanten Mundwinkeln und sehr ernsten Augen. Wenn man die zehn Geschichten gelesen hat, dann weiß man, auch dieses Bonmot ist schlichtweg wahr.

Nach diesem Aufgalopp in Sachen Klarsicht und Fantasie verwundert es nicht, dass unser Mann nun auch als Erzähler hervortritt. Und zwar mit Geschichten, die auch zu den Wurzeln und Quellen seines Lebens zurückgehen: »Ich war zu dem Zeitpunkt sechzehn, Jeanett nur wenig älter«, heißt es in »Jünglings Schnapskontor«, der dritten Erzählung. Auch dieser Titel weist wie »Die Buckelapotheke« darauf hin, dass am Ort des Geschehens das ganze Arsenal der Olitäten eine große Rolle spielte, zu dem neben Tropfen, Tinkturen natürlich auch segensreiche Kräuterliköre gehören. Aber schon das Inhaltsverzeichnis signalisiert auch, dass eine geografische Grenze nahe sein musste, über die Menschen verschwinden konnten, endgültig wie über den historischen Rubikon. Wir sind also im wildromantischen »Thüringer Kräutergarten«, Faber ist da geboren.

Über diese Grenze entschwinden in den Geschichten dann tatsächlich auch beängstigend Viele. Sie »machen hinüber« aus privaten, ideologischen, politischen, aber auch aus ganz schnöden materiellen Gründen. Und es konnte offenbar durchaus vorkommen, dass ein Mann, der durch mitgenommene Kräuterschnaps-Rezepturen im Westen reiich werden will und das auch wird, zuvor den Bett- und Geschäftsrivalen per Denunziation in den fernen Osten verschickt. So rustikal geht es zuweilen zu in dieser lieblichen Gegend, und zur faktologischen Beglaubigung ist das Biografische immer gegenwärtig: Erzählen heißt ja bekanntlich finden und erfinden! Und was für liebenswerte Menschen begegnen uns da! Viele sind geprägt von vier Gesellschaftsordnungen und drei großen Kriegen, zwei heißen und einem kalten, aber hier in diesen Bergen der Glasbläser und Porzellanmaler sind sie trotzdem noch ganz besonders. Eigenwillig bis zur Skurrilität. Und nahezu alle sind aus Bedürftigkeit irgendwie kreativ und unternehmerisch begabt. Es wird mehr agiert als reflektiert, und die Sprache verweigert sich nicht, dies alles einleuchtend und anrührend vorzuführen. Sie versteht sich als Mittel und nicht als Zweck. Trotz gelegentlicher »Verwogenheiten«.

Wie bewegend ist doch auch das Schicksal, der Charakter dieser Charlott aus der Titelgeschichte des Bandes. Es fällt einem beim Lesen sogleich das grandiose Buch »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« von Gabriel García Márquez ein. Auch da geht es um lebenslang nachgetragene Liebe. Hier zuerst um die Liebe des Postboten Paul Köhler, dort um die des Telegrafisten Florentino Ariza. Nur nebenbei sei erwähnt, dass auch Faber eine postalische Ausbildung genoss. Dort sind Fermina Dazas Eigensinn und Standesdünkel das fast ewige Hemmnis, hier Charlott Molkes morbide, in den Wahn führende Verlorenheit an einen, ebenfalls über die besagte Grenze entfleuchten, längst verdorrten Lebenstraum. Logischerweise gibt es eine Apotheose nur in Südamerika, in Südthüringen gibt es sie 1989 nicht.

»Ein Verlag ist das Werk seiner Autoren!« Das ist Dogma für den Verleger Faber, aber er ist trotzdem selbstbewusst genug, um das schöne, von Thomas Mann auf den großen Philipp Reclam gemünzte Wort, »welch ein herrlicher Beruf, diese Mischung aus Geschäftssinn und strategischer Geistfreundschaft!«, auch auf sich beziehen zu können.

Diesem dienenden Selbstbewusstsein versucht seit dem 2. März eine Ausstellung im Leipziger »Haus des Buches« kongenial gerecht zu werden. Aber wie soll man dieses dreifache Verlegerleben mit einer beschränkten Anzahl von Vitrinen fassen? EDITION LEIPZIG, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, Faber & Faber Leipzig, klangvolle Namen! Und überall da Editionen, die es nahelegen, den Editor auch einen Kulturstifter zu nennen. Aus Platzgründen soll jetzt nur von einer seiner Gründungen geredet werden. Nein, nicht von Faber & Faber, von dem mit Sohn Michael betriebenen Kultverlag, sondern vom Aufbau-Taschenbuch Verlag, ohne den die berühmte Verlagsgruppe (der »Suhrkamp des Ostens«) die Wende wohl kaum überlebt hätte.

Verlagsgründung also 1990! Gegen alle wohlmeinenden Ratschläge und trotz aller entsetzter Unkenrufe! »Tatsächlich«, sagt Faber, »war eins der Motive in einer notwendig krisenhaften Situation, die die ostdeutsche Verlagsregion damals beherrschte, etwas in Aussicht zu stellen. Die Gründung war ein Gegenbild zum Augenblick.« Das offenbart sogleich auch noch einmal die ganze Noblesse seines Denkens und sein unerschrockenes Unternehmertum auch.

Sollte man ihm heute vor allem Gesundheit wünschen für 10 weitere Verlegerjahre oder ihn doch lieber daran erinnern, dass Theodor Fontane seine beiden schönsten Bücher schon nach dem »75.« geschrieben hat? Hiergegen war Hamlets berühmte Frage simpel.

Elmar Faber: Nürnberger Pakete. Erzählungen. Das Neue Berlin. 188 S., geb., 16,90 EUR.

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