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Kino kann nichts ändern

Paolo Sorrentino zum Andreotti-Porträt »Il Divo – Der Göttliche«:

ND: Warum ausgerechnet Andreotti?
Sorrentino: Andreotti hatte die Machtausübung im Umfeld der Kirche gelernt, als Politiker gab er sich wie ein Kardinal. Ganz anders als heute Berlusconi regierte er durch Schweigen, durch Diskretion, durch einen Mangel an öffentlichen Äußerungen. Andreotti konnte eine Meinung vertreten und im nächsten Moment deren absolutes Gegenteil. Diese inhärenten Widersprüche waren ein Bestandteil seiner Persönlichkeit und Politik, und sie spiegelten Eigenschaften des ganzen Landes wider. Andreotti selbst mochte den Film nicht, verklagt hat er mich aber auch nicht. Das hat er, soweit ich weiß, überhaupt nur ein einziges Mal getan: als vor vielen Jahren eine Zeitung behauptete, er sei an Bord eines Bootes gewesen, auf dem sich auch Mafiosi befanden.

Die optische Oberfläche Ihres Films ist gleichsam so poliert, dass man sich drin spiegeln kann. Wie kam der Film zu seinem Stil?
Kino ist Spektakel, somit der einzige Weg, um eine so unspektakuläre, komplizierte, oft genug langweilige Realität wie die Politik auch einem jüngeren Publikum nahezubringen. Dadurch, dass wir Andreotti und seine Umgebung mit so ganz anderen Mitteln in Szene gesetzt haben als die von ihnen selbst genutzten, haben wir vermieden, uns mit ihnen gemein zu machen, und somit ein junges Publikum erreicht, das vorher vielleicht noch nie von ihm gehört hatte.

Hat die Ära Berlusconi den Blick auf Andreottis Zeiten verändert?
Früher sei alles besser gewesen, hört man ständig. Früher plünderten die Politiker zwar auch den Staat, aber immerhin hätten sie noch gewusst, wie man regiert. Der Konsens scheint zu sein, dass alle Übel der italienischen Politik mit Berlusconi angefangen haben. Damit überschätzt man Berlusconi. Er und seine Generation machen nur da weiter, wo die Vätergeneration aufgehört hat.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sie damit durchkommen?
Das Problem ist das Gefühl der Straffreiheit, das sich bei Italiens Politikern eingebürgert hat. Das Bewusstsein, dass man nicht zur Rechenschaft gezogen wird für sein Handeln, hat dazu geführt, dass Politiker sich deutlich mehr Freiheiten herausnehmen, als ihnen zustehen. Und so zerrissen wie die italienische Linke heute ist, sehe ich auch wenig Hoffnung auf Änderung. Die Zeiten, in denen man mit Kino etwas ändern konnte, sind jedenfalls vorbei.

Haben sich die Kritiker in Cannes also geirrt, als sie Ihren Film und »Gomorrha« von Matteo Garrone feierten als einen neuen Blick auf die italienische Realität und eine aufklärerische Chance auf Neuanfänge?
In Cannes sind unsere Filme gefeiert worden, weil sie schönes Kino sind. Jenseits der Politik hat der Mensch nämlich auch das Bedürfnis, sich an ästhetischen Genüssen zu freuen. Sich deshalb einzubilden, dass Filme einem Volk zu neuem politischem Bewusstsein verhelfen könne, wäre naiv. Das politische Bewusstsein beeinflusst man heute auf anderen Wegen, über das Fernsehen zum Beispiel. Aber jede Gesellschaft braucht ein Widerstandsnest gegen den fortschreitenden Populismus des Fernsehens. Und dazu können unsere Filme beitragen. Auch in den USA ist Barack Obama sicher nicht nur deshalb gewählt worden, weil alle Michael Moores »Fahrenheit 9/11« gesehen haben.

Stellenweise stilisiert die Inszenierung Andreotti und seine Gefolgschaft zu Popstars. Gab es Überlegungen, wie weit man mit dieser Ästhetisierung gehen könne, ohne dass passiert, was Ron Howard jüngst in »Frost/Nixon« unterlief, dass nämlich der Politiker am Ende zu gut wegkommt?
Andreotti ist eine Pop-Ikone, also habe ich ihn als Pop-Ikone inszeniert. Wie gut oder schlecht er dabei wegkam, hat mich nicht besonders interessiert. Mir war das filmische Ergebnis wichtig. Ich wollte Andreotti korrekt beschreiben, aber auch schöne Filmbilder schaffen. Denn in erster Linie ist der Film nicht Kritik an oder Lobrede auf Andreotti, sondern ein Film über Andreotti.

Politisch habe ich offenkundig völlig andere Vorstellungen als er. Aber auf einer rein menschlichen Ebene sollte man jeden mit allen seinen Schwächen zu verstehen versuchen und ihn nicht aufgrund seiner politischen Ideen vorverurteilen.

Fragen: Caroline M. Buck

Giulio Andreotti war eine der prägenden politischen Figuren der italienischen Nachkriegsgeschichte. Niemand sonst war so oft Minister, Premierminister – oder wegen möglicher mafiöser Verstrickungen angeklagt. Immer wieder freigesprochen, immer wieder gewählt, für die einen ein Mythos, für die anderen die Verkörperung all dessen, was im politischen Systems Italiens schiefläuft. Mit »Il Divo – Der Göttliche«, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, setzt Regisseur Paolo Sorrentino dem buckligen Machtmenschen der italienischen Rechten ein kinotaugliches Mahnmal.

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