Von Edgar Bauer
17.04.2009

Schluss mit dem Dornröschenschlaf

Kanzlerbungalow in Bonn erstmals zu besichtigen

Der alte Kanzlerbungalow in Bonn wird nach zweijähriger Renovierung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

»Es war gar keine Atmosphäre«, erinnert sich Helmut Kohl (CDU) an sein langjähriges Heim in Bonn – den Kanzlerbungalow. Im Privatbereich hätten seine Söhne auf Gummimatratzen schlafen müssen, da für Betten nicht genug Platz gewesen sei. Es sei eher »ein absurdes Bauwerk« gewesen als eine für einen Kanzler angemessene Wohnung. Dafür hat es Kohl dann aber lange darin ausgehalten – gut 15 Jahre. Er wollte selbst dann nicht ausziehen, als er 1998 schon abgewählt war. Nun kann sich bald jeder selbst ein Urteil bilden – das Gebäude aus den 60er Jahren im Stil der klassischen Moderne wird erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich.

Mit Mitteln der Wüstenrot-Stiftung wurde das denkmalgeschützte Haus in den vergangenen zwei Jahren in Abstimmung mit dem Kanzleramt saniert und renoviert. Nun nimmt das Haus der Geschichte den Kanzlerbungalow mit einer Dauerausstellung in sein Besucherprogramm auf und plant Veranstaltungen, kündigte Museumschef Hans Walter Hütter in dieser Woche an.

Der Kanzlerbungalow sei »ein einzigartiges Zeugnis der politischen Geschichte der Bundesrepublik«, sagte Hütter. Staatsoberhäupter tafelten hier, Wahlsiege wurden begossen, Krisen und Koalitionen besprochen. Bilder und Dokumente im Eingangssaal erinnern etwa an Aufenthalte der britischen Königin Elizabeth II. oder des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow.

Anders als Wohn- und Amtssitze in vielen anderen Staaten sollte der Kanzlerbungalow kein Symbol politischer Macht sein. Architekt Sepp Ruf wollte ein weltoffenes Haus für Austausch und Begegnung. Der 225-Quadratmeter-Bungalow mitten in einem großzügigen Parkgelände mit Blick auf den Rhein besteht aus zwei quadratisch gegeneinander versetzten Atriumbauten. Viel Glas sorgt für Licht und Zugang zu Natur.

Ein Jahrzehnt lang stand der unscheinbare Flachbau leer. Seiner früheren Funktionen beraubt, verharrte das Eigentum des Bundes im Dornröschenschlaf. Für die Instandsetzung wandte die Wüstenrot-Stiftung 2,2 Millionen Euro auf – doppelt so viel wie seinerzeit der gesamte Neubau kostete.

Unions-Kanzler Ludwig Erhard hatte sich mit dem 1964 errichteten Bungalow auch seinen Traum von der Moderne erfüllt. Der Bungalow ergänzte seine Amtsräume im benachbarten klassizistischen Palais Schaumburg, trug ihm aber auch Kritik ein (»Palais Schaumbad« oder »Ludwigslust«), obwohl es außer einem kleinen Pool keine Extravaganzen gab. Die Einrichtung wirkt kühl und funktional.

Nach dem Geschmack von Kanzler Willy Brandt war das verglaste Stahlskelett nicht. Mit seiner Frau Rut und seinen Söhnen blieb der Ex-Außenminister lieber in der Dienstvilla des Auswärtigen Amtes auf dem Bonner Venusberg und nutzte nur die repräsentativen Räume. Wie Brandt hielt es später auch Gerhard Schröder. Den privaten Teil bewohnte eine Zeit lang noch der abgewählte Kohl. Für die dort genutzte Fläche von 142 Quadratmetern mussten die Kanzler sogar Miete zahlen. Und obwohl es nichts Großartiges gewesen sei, sei es doch »sehr teuer« gewesen, klagte Kohl. dpa

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