Ustis Innenstadt war schon am Vormittag weitgehend menschenleer. Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, viele mit Holzplatten vernagelt. Über 1000 martialisch ausgerüstete Polizisten waren mit schwerem Gerät präsent, um einen Aufmarsch von »Autonomen Nationalisten« abzusichern. Tschechischen Medienberichten zufolge wurden mehrere Hundert einheimische, aber auch bis zu 700 deutsche Neonazis zu einem »Gedenkmarsch für die Bombardierung Ustis« im April 1945 erwartet. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Polizei waren für möglich gehalten worden.
Tatsächlich trafen sich am Abend etwa 400 größtenteils in Schwarz gekleidete Demonstranten zum ersten Neonazi-Aufmarsch, den Usti nach 1945 erlebt hat. Als Vorbild diente ihnen der jährliche »Gedenkmarsch« deutscher Neonazis zum 13. Februar in Dresden. In Usti – damals ein Zentrum der Rüstungsindustrie – waren bei Bombenangriffen der Alliierten am 17. und 19. April 1945 etwa 500 Menschen ums Leben gekommen.
Das Gros der Teilnehmer des Aufmarsches am Sonnabend stellten tschechische »Autonome Nationalisten« und Aktivisten der in Tschechien verbotenen Organisation »narodni odpor« (Nationaler Widerstand). Aus Deutschland waren ebenfalls mehrere Dutzend vorrangig sächsische Neonazis angereist. Die Organisatoren hatten großen Wert auf die Mobilisierung in Deutschland gelegt. Die »Autonomen Nationalisten« Tschechiens orientieren sich schon länger an Habitus und Auftreten der deutschen »Autonomen Nationalisten« und »freien Kräfte«.
Bevor die Neonazis im Schweigemarsch unter dumpfen Trommelschlägen durch die Stadt zogen, hatten sie sich auf dem Lidice-Platz versammelt, benannt nach jenem Dorf, in dem deutsche Einheiten 1942 ein Massaker angerichtet hatten. Miroslav Broz, Mitglied eines örtlichen Bündnisses gegen Rechts, sprach von einem »Tanz der Mörder auf dem Massengrab«.
Nach dem Marsch sprachen neben dem Organisator Adam Bercík auch der Dresdner Neonazi Maik Müller und ein Vertreter ungarischer Neonazis. Müller war Veranstalter des »Gedenkmarsches« am 13. Februar in Dresden.
Schon am Nachmittag hatten sich in Usti und zwei weiteren nordböhmischen Städten Neonazis zu kleineren Kundgebungen gegen »unerwünschte Ausländer«, vor allem Sinti und Roma, getroffen. Die Polizei unterband das Skandieren von ausländer- und Roma-feindlicher Parolen nicht
Gegen Ende des Marsches in Usti kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen etwa 200 linken Gegendemonstranten und der Polizei. Die setzte Tränengas und Wasserwerfer ein und verhinderte so ein Aufeinandertreffen mit den Neonazis.
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