Dass diese Diskussion die Presse erreichte, stört die Aktionärsverbände. Besonders Aufsichtsratsmitglied Frank Bsirske ist den Kapitalverbänden ein Dorn im Auge. Der Chef der Gewerkschaft ver.di soll das Kontrollgremium ihrer Meinung nach verlassen – so wie alle Gewerkschafter, die in dem Gremium sitzen. Der RWE-Vorstand zeigte sich bei dem Thema bedeckt.
Massive Kritik kam aus den Reihen der Umweltgruppen. Am Eingang der Essener Gruga-Halle, in der die Hauptversammlung stattfand, protestierten rund 80 Atomkraftgegner gegen das Belene-Projekt, das in einem Erdbebengebiet geplant ist. Die Aktionsgruppe Campact stellte ein wackeliges AKW auf ein Trampolin – schon nach wenigen Erschütterungen brach es zusammen. Die Menschenrechts- und Umweltschutzorganisation urgewald verteilte Flugblätter an die Aktionäre.
Doch nicht nur vor der Halle wurde protestiert: Auch drinnen musste sich der RWE-Vorstand unangenehmen Fragen stellen: Die bulgarische Biobäuerin Albena Simeonova fragte RWE, warum der Konzern das riskante AKW bauen und sie damit gefährden will. Der ehemalige Chef der bulgarischen Atomenergieaufsichtsbehörde, Gueorgoi Kastchiev, sprach RWE auf die hohe Korruption und das schlecht ausgebildete Personal beim Bau und im laufenden Betrieb des geplanten AKW an. Der Geschäftsführer des Dachverbands der kritischen Aktionäre, Markus Dufner, übergab RWE-Chef Jürgen Großmann eine Studie, in der die Atom- und Klimapolitik des Konzerns an den Pranger gestellt wird. RWE stößt das meiste CO2 in ganz Europa aus.
Auch das Engagement von RWE in Turkmenistan stand im Kreuzfeuer der Kritik: »Sie unterstützen das dortige Regime«, warf der Grünen-Europakandidat Sven Giegold dem Konzern vor. Dieser zeigte sich von allen Fragen unbeeindruckt und wies die massive Kritik lapidar zurück: »Sicherheit, Transparenz und Wirtschaftlichkeit haben beim Kernkraftwerk Belene oberste Priorität – ohne Abstriche, wie überall, wo wir komplexe Großtechnik betreiben«, so Großmann. Die Umweltschützer sehen dies allerdings anders.
Anfang der 1970er: Erste Diskussionen um ein zweites AKW für Bulgarien.
1977: Erdbeben in der Belene-Region. 120 Menschen sterben.
1981: Die bulgarische Regierung entscheidet sich für den Bau eines AKW in Belene.
1983: Wissenschaftler aus der Sowjetunion warnen vor dem Bau im Erdbebengebiet.
1987: Beginn der Bauarbeiten für die ersten beiden Reaktorblocks.
1990: Wegen Schwierigkeiten bei der Finanzierung will die Regierung das Projekt stoppen.
1992: Die Regierung stoppt den AKW-Bau.
2003: Der bulgarische Premierminister Simeon Sakskoburgotski erklärt sich bereit, Belene fertig zu bauen.
1. März 2006: Panne im AKW Kozloduj, die 50 Tage verharmlost und erst nach starkem internationalen Druck zugegeben wird.
Oktober 2006: Die bulgarische Nationale Energiegesellschaft NEK erteilt den Bauauftrag an den russischen Konzern Atomstroyexport. Das gewählte Design AES-92 besteht aus zwei russischen WWER-1000/V466-Reaktoren.
2008: Als strategischer Investor wird RWE mit 49 Prozent Anteil gewählt und schließt einen Vertrag mit NEK ab.
2009: Gespräche mit Russland über einen Baukredit. irl
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Viel Schuften für wenig Geld DIW: Niedriglöhner arbeiten teilweise über 50 Stunden pro Woche
Risiko-Prämie für Friedenssicherung KfW förderte fragile Staaten mit 900 Millionen
Erdgas unter der Fahner Höhe Auch in Thüringen formiert sich Widerstand gegen Fracking-Projekte
Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
Preis: 11,95 €
Preis: 100,00 €
Werbung:
Werbung: