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Von M. Schulze von Glaßer, Essen 23.04.2009 / Wirtschaft

Kritikresistenter Energieriese

Hohe Dividende und miserable Politik auf der Hauptversammlung von RWE

Heftige Kritik auf der Jahreshauptversammlung des Stromkonzerns RWE: Neben dem hohen CO2-Ausstoß des Konzerns sorgten vor allem die riskanten AKW-Pläne im bulgarischen Belene für Proteste.
»RWE ist kerngesund«, machte RWE-Chef Jürgen Großmann gleich zu Beginn der Hauptversammlung am Mittwoch deutlich. Den Aktionären wird eine Dividende von 4,50 Euro pro Aktie gewährt – mehr als jemals zuvor. Auch die Aktionärsverbände zeigten sich angesichts der hohen Gewinnausschüttung erfreut – ermahnten jedoch, weiter auf eine noch höhere Dividende hinzuarbeiten. Kritik seitens der Aktionärsverbände gab es dagegen wegen der Querelen im RWE-Vorstand. Seit Monaten streiten die Aufsichtsratsmitglieder über eine milliardenschwere Finanzbeteiligung am Atomkraftwerksneubau im bulgarischen Belene. Selbst der Rücktritt des RWE-Vorsitzenden, der die Investition in Bulgarien gegen jeden Widerstand durchdrücken will, soll auf den Aufsichtsratssitzungen gefordert worden sein.

Dass diese Diskussion die Presse erreichte, stört die Aktionärsverbände. Besonders Aufsichtsratsmitglied Frank Bsirske ist den Kapitalverbänden ein Dorn im Auge. Der Chef der Gewerkschaft ver.di soll das Kontrollgremium ihrer Meinung nach verlassen – so wie alle Gewerkschafter, die in dem Gremium sitzen. Der RWE-Vorstand zeigte sich bei dem Thema bedeckt.

Massive Kritik kam aus den Reihen der Umweltgruppen. Am Eingang der Essener Gruga-Halle, in der die Hauptversammlung stattfand, protestierten rund 80 Atomkraftgegner gegen das Belene-Projekt, das in einem Erdbebengebiet geplant ist. Die Aktionsgruppe Campact stellte ein wackeliges AKW auf ein Trampolin – schon nach wenigen Erschütterungen brach es zusammen. Die Menschenrechts- und Umweltschutzorganisation urgewald verteilte Flugblätter an die Aktionäre.

Doch nicht nur vor der Halle wurde protestiert: Auch drinnen musste sich der RWE-Vorstand unangenehmen Fragen stellen: Die bulgarische Biobäuerin Albena Simeonova fragte RWE, warum der Konzern das riskante AKW bauen und sie damit gefährden will. Der ehemalige Chef der bulgarischen Atomenergieaufsichtsbehörde, Gueorgoi Kastchiev, sprach RWE auf die hohe Korruption und das schlecht ausgebildete Personal beim Bau und im laufenden Betrieb des geplanten AKW an. Der Geschäftsführer des Dachverbands der kritischen Aktionäre, Markus Dufner, übergab RWE-Chef Jürgen Großmann eine Studie, in der die Atom- und Klimapolitik des Konzerns an den Pranger gestellt wird. RWE stößt das meiste CO2 in ganz Europa aus.

Auch das Engagement von RWE in Turkmenistan stand im Kreuzfeuer der Kritik: »Sie unterstützen das dortige Regime«, warf der Grünen-Europakandidat Sven Giegold dem Konzern vor. Dieser zeigte sich von allen Fragen unbeeindruckt und wies die massive Kritik lapidar zurück: »Sicherheit, Transparenz und Wirtschaftlichkeit haben beim Kernkraftwerk Belene oberste Priorität – ohne Abstriche, wie überall, wo wir komplexe Großtechnik betreiben«, so Großmann. Die Umweltschützer sehen dies allerdings anders.


Belene-Chronik

Anfang der 1970er: Erste Diskussionen um ein zweites AKW für Bulgarien.

1977: Erdbeben in der Belene-Region. 120 Menschen sterben.

1981: Die bulgarische Regierung entscheidet sich für den Bau eines AKW in Belene.

1983: Wissenschaftler aus der Sowjetunion warnen vor dem Bau im Erdbebengebiet.

1987: Beginn der Bauarbeiten für die ersten beiden Reaktorblocks.

1990: Wegen Schwierigkeiten bei der Finanzierung will die Regierung das Projekt stoppen.

1992: Die Regierung stoppt den AKW-Bau.

2003: Der bulgarische Premierminister Simeon Sakskoburgotski erklärt sich bereit, Belene fertig zu bauen.

1. März 2006: Panne im AKW Kozloduj, die 50 Tage verharmlost und erst nach starkem internationalen Druck zugegeben wird.

Oktober 2006: Die bulgarische Nationale Energiegesellschaft NEK erteilt den Bauauftrag an den russischen Konzern Atomstroyexport. Das gewählte Design AES-92 besteht aus zwei russischen WWER-1000/V466-Reaktoren.

2008: Als strategischer Investor wird RWE mit 49 Prozent Anteil gewählt und schließt einen Vertrag mit NEK ab.

2009: Gespräche mit Russland über einen Baukredit. irl

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