Im Judentum sei Religion durch Nationalismus ersetzt worden, so die These des Lübecker Psychologen Rolf Verleger. Kritik an Israel werde Jüdinnen und Juden pauschal als Nestbeschmutzung ausgelegt oder als Antisemitismus bei nicht-jüdischen Menschen. Eine Entwicklung, die dem Mitglied des Direktoriums beim Zentralrat der Juden in Deutschland angesichts der aktuellen Entwicklung große Sorge bereitet. Sein Buch »Israels Irrweg« ist ein klares »Nein!« zur Kriegspolitik von Tel Aviv, und ein deutlicher Appell, dieses »Nein!« öffentlich zu unterstützen – eine Aufforderung an jüdische und nicht-jüdische Leser.
»Früher musste man die Mizwot einhalten, um sich als Jude zu definieren. Heute haben wir den Staat Israel. Da brauchen wir die Gebote nicht mehr. Jude sein heißt, zu Israel zu halten«, erklärte Ende der 60er Jahre dem damals 16-jährigen Rolf Verleger ein gleichaltriger Freund. Der junge Verleger hatte das Radio angestellt, an einem Freitagabend, dem Schabbat, was eindeutig gegen das Gebot verstieß, am Feiertag kein Feuer anzuzünden. Verleger, aufgewachsen in Ravensburg in einer jüdischen Familie in einer nicht-jüdischen Umgebung, war stets und ständig bemüht, die Mizwot, die Gebote Gottes, streng einzuhalten: Koscher essen, an Schabbat ruhen, was auch bedeutete, in der Schule nicht mitzuschreiben und nicht in den Freitags-Tanzkurs zu gehen. Radio an Schabbat, das ging ihm entschieden zu weit. Außerdem erschien ihm die Argumentation des Freundes »so ziemlich als das blödeste, was ich je gehört hatte«. Doch diese Haltung, die ihm seinerzeit so abwegig erschien, sieht Verleger unterdessen im Judentum weit verbreitet.
Nach Ansicht des Autors ist der Staat Israel ein »zentrales politisches Projekt« des Judentums, weshalb Jüdinnen und Juden gehalten sind, sich dazu zu äußern. Die bedingungslose Unterstützung der Politik Israels lehnt er indes ab. Zu Israel zu stehen bedeutet für ihn, die Besatzungs- und Kriegspolitik laut und deutlich zu verurteilen. Eine Haltung, die ihm in jüdischen Kreisen wenig Freunde macht.
Laut Verleger wurden die Wurzeln des Nah-Ost-Konflikts Anfang des 20. Jahrhunderts gelegt, als sich Juden aus dem Zarenreich im damaligen Palästina ansiedelten und sich bald darauf anschickten, die arabische Bevölkerung zu vertreiben. Eine Politik, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der aktuellen Siedlungspolitik findet und den Autor an Demenz erinnert, behaupten doch die Siedler schon nach einem Tag, das besetzte Gebiet sei ihre »wahre Heimat«. Der palästinensischen Bevölkerung wird immer mehr Lebensraum genommen. Dadurch würde diese immer mehr in die Enge getrieben und könne quasi gar nicht anders, als sich gewaltsam zur Wehr zu setzen, so der Lübecker Professor. Sein Rezept zur Konfliktlösung klingt einfach: Israel muss die Besatzungs- und Kriegspolitik aufgeben, den vertriebenen Palästinenserinnen und Palästinensern das Rückkehrrecht einräumen, »um ihnen ihre Würde wiederzugeben«, mit der HAMAS verhandeln und internationale Abkommen einhalten. Dass dies einfacher klingt als es letztendlich ist, weiß Verleger. Deshalb wirbt er um Unterstützung für seine Anti-Kriegs-Position.
»Israels Irrweg« ist aus der subjektiven Sicht eines deutschen Juden verfasst. Verleger beschreibt zugleich einen Identitätskonflikt, in den aufgeklärte Humanisten jüdischer Abstammung durch die israelische Gewaltpolitik zwangsläufig geraten. Obwohl er sich mit einem ernsten Thema auseinandersetzt, hebt er nicht mahnend den Zeigefinger, sondern regt zum Nachdenken an.
Rolf Verleger: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. PapyRossa, Köln 2009. 183 S., geb., 12,90 EUR.
Der Buchautor diskutiert am 29. April in Hamburg (Curiohaus, Rothenbaumchaussee 15; ab 19 Uhr) mit Fawaz Abu Sitta von der Universität Gaza über Friedensperspektiven – nach dem Gaza-Krieg und den Wahlen in Israel.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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