Die Kundgebung fand vor einer für Gewerkschaften ungewöhnlichen Kulisse statt: Im Hof der Kaserne der Finanzpolizei, eines der wenigen großen Gebäude der Stadt, die das Erdbeben mehr oder wenig unbeschadet überstanden haben, war eine Tribüne aufgebaut, von der die drei Gewerkschaftssekretäre Guglielo Epifani (CGIL), Raffaele Bonanni (CISL) und Luigi Angeletti (UIL) vor kaum mehr als 4000 Menschen sprachen. Auf Fahnen und Transparente hatte man verzichtet. Im Mittelpunkt der Reden stand die Solidarität mir den Menschen in den Abruzzen, die mit dem Beben alles verloren haben. Allein in der Privatwirtschaft sind etwa 30 000 Arbeitsplätze weggefallen. »Und wenn wir Arbeitsplätze sagen«, erklärte der Bürgermeister von Aquila, Massimo Cialente, »ist das wörtlich gemeint: Dort, wo vorher gearbeitet wurde, sind jetzt Trümmerhaufen.« Die Gewerkschaftschefs haben feierlich versprochen, sich dafür einzusetzen, dass Aquila und die Abruzzen nicht vergessen werden, auch wenn die ersten Emotionen verflogen sind.
Einige, allerdings allgemeine Aussagen wurden auch zur derzeitigen Krise gemacht: Die Regierung wurde aufgefordert, Kaufkraft und Löhne zu verteidigen sowie Maßnahmen gegen den drohenden Anstieg der Arbeitslosigkeit zu ergreifen. Bis Ende des Jahres, so lauten einigen Schätzungen, könnten weitere 650 000 Arbeitsplätze verloren gehen. Aber ansonsten sind die Gewerkschaften zerstritten wie selten zuvor, besonders, was die Haltung gegenüber der Regierung anbetrifft. Während die CGIL einen härteren Kurs fährt, sind CISL und UIL eher konziliant. So war es auch kein Wunder, dass in Aquila CGIL-Sekretär Guglielmo Epifani die klarsten Akzente setzte: Er forderte, dass der Staat genauestens darüber wacht, dass am Wiederaufbau in den Abruzzen keine kriminellen Organisationen verdienen und dass sich niemand bereichert. Außerdem forderte er einen Wiederaufbau »Haus für Haus, Kirche für Kirche, Rathaus für Rathaus« – womit er sich gegen die Idee des Bauunternehmers und Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi wandte, der sich in den letzten Wochen immer wieder dafür ausgesprochen hatte, vollkommen neue Wohngebiete in der Nähe der zerstörten Gemeinden zu errichten.
In dieser Atmosphäre stand auch das große Rockkonzert in Rom auf der Piazza San Giovanni auf der Kippe. Dieses Konzert – möglicherweise das größte Open-Air-Event in Europa überhaupt – wird seit Jahrzehnten am Tag der Arbeit von den drei Gewerkschaften organisiert und zieht jedes Mal weit über eine Millionen Menschen, vor allem Jugendliche, an. Dieses Mal stand es unter dem Motto »Die Welt, wie ich sie möchte«.
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