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Altes und Neues Testament im Schnelldurchlauf weniger Tage – so könnte man die Pilgerreise von Papst Benedikt XVI. ins Heilige Land umschreiben. Doch Papstbesuche im Nahen Osten sind kein beschauliches religiöses Sightseeing, sondern eine mit hohen Erwartungen verbundene politische Gratwanderung. Dabei war der Grat für Joseph Ratzinger diesmal besonders schmal. Schließlich hatte es das katholische Kirchenoberhaupt in seinem erst gut vier Jahre währenden Pontifikat geschafft, Muslime wie Juden in einem Maß gegen sich aufzubringen, das schwerste interreligiöse Verwerfungen befürchten ließ. Zwar liegt die Regensburger Rede mit dem Zitat eines mittelalterlichen Monarchen, dass Mohammed »nur Schlechtes und Inhumanes« gebracht habe, mittlerweile über zweieinhalb Jahre zurück. Doch weder Benedikts Türkei-Reise Ende 2006 noch die Intensivierung des katholisch-islamischen Dialogs haben den seitens des Vatikans als unglückseligen Fauxpas heruntergespielten Vorfall in der islamischen Welt in Vergessenheit geraten lassen. Das Judentum hatte der Pontifex zunächst 2008 mit der Wiederbelebung der Karfreitagsfürbitte zur Bekehrung der Juden verprellt, um dann Anfang 2009 »nachzulegen« mit der kirchlichen Rehabilitierung von vier Bischöfen der reaktionären Pius-Bruderschaft, unter denen sich ein notorischer Holocaustleugner befindet.
Seit Johannes Paul II. misst sich der Erfolg einer Papstreise vor allem am Eindruck, der der Öffentlichkeit via Fernsehen vermittelt wird. Das Wort, das dem Evangelisten Johannes zufolge »im Anfang« war, hat es schwer, sich gegen das TV-Bild durchzusetzen. Gewiss ein Nachteil für Benedikt XVI., der sich weit weniger wirkungsvoll als sein Vorgänger in dieses Bild zu setzen vermag und selbst weit mehr auf das Wort setzt. Was dazu führt, dass seine Worte in einer Weise auf die politische Goldwaage gelegt werden, wie es bei Karol Wojtyla nie der Fall war. Benedikt verurteilte in Israel erwartungsgemäß alle Erscheinungsformen des Antisemitismus und wandte sich entschieden gegen jede Leugnung und Relativierung der Schoah. Dennoch gab es heftige Kritik. »Kalt und abstrakt« sei die Rede Ratzingers in Jad Vaschem gewesen, meinte der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte, Avner Shalev. Der Historiker Tom Segev stufte den Auftritt als »banal und bedeutungslos« ein.
Was Vielen fehlte, war ein Schuldbekenntnis und eine Entschuldigung der katholischen Kirche. Für ihre Mitschuld bei Judenverfolgung und -diskriminierung über die Jahrhunderte. Hätte Benedikt Derartiges gesagt, es wäre in der Tat historisch gewesen. Hätte es doch dem Selbstverständnis der Romkirche als unfehlbare Institution widersprochen. Einem Anspruch, den Johannes Paul II. ebenso wenig angetastet hat wie irgendein Papst zuvor. Auch die unter JP II veröffentlichten und von reichlich Medienecho begleiteten Dokumente des Bekenntnisses zu geschichtlicher Schuld und Verantwortung betrafen stets nur die »Glieder« der Kirche, Fehlgeleitete und Abgewichene, nie die Kirche als solche. Egal, ob es um Kolonialverbrechen, Sklaverei, Inquisitionsopfer oder die verheerenden Folgen des Antijudaismus respektive Antisemitismus ging.
Diese strikte Beharrungshaltung kommunikativ zu verdecken war dem Charisma und PR-Talent des Polen Wojtyla vorbehalten. Beides fehlt dem deutschen Gelehrten Ratzinger. Was er selbst am besten weiß und weshalb er gar nicht erst nach Originalität in seinen öffentlichen Auftritten strebt. Die gesamte Nahostvisite wirkte denn auf den Beobachter auch eher wie ein Aufguss der Tour von Johannes Paul II. im »Heiligen Jahr« 2000. Auf seinen Apostolischen Reisen ist Benedikt der »Arbeiter im Weinberg des Herrn«, wie er sich einmal titulierte. Das eher ungeliebte Pflichtprogramm ist halt Teil des Jobs. Dabei zeigte sich indes, dass Diplomatie durchaus zu den Stärken Ratzingers gehört. Denn bei allem Lob für seinen Auftritt im Schatten der Sperrmauer in den Palästinensergebieten – das kritische Potenzial war so zurückhaltend, dass es für Israel in diesem Punkt keinen Anlass zum Unmut gab. Benedikt hätte seine Begegnung mit dem israelischen Regierungschef in Nazareth immerhin mit dem Appell würzen können: »Mister Netanjahu, tear down this wall!« Es wäre eine Reverenz an den Rebellen Jesus in dessen Heimatort gewesen. Aber der Nazarener ist längst domestiziert worden – von seinen Stellvertretern.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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