Wie immer, wenn die Arbeit knapp wird, trifft es zuerst die Schwächsten: Bolivianische Immigranten verlassen das krisengeschüttelte Spanien, polnische Arbeiter machen sich auf den Weg nach Großbritannien, Brasilianer aus Portugal kehren in ihre Heimat zurück, Malaysia schiebt indonesische Gastarbeiter ab und versagt 60 000 Bangladeschern die Einreisevisa. Der wirtschaftliche Boom von 1990 bis 2008 hatte 165 bis 200 Millionen Menschen veranlasst, ihren Heimatländern auf der Suche nach besseren Einkommen und Lebensbedingungen den Rücken zu kehren. Jetzt aber müssen Hunderttausende aus aller Welt erneut auf Reisen gehen. Denn Weltwirtschaftskrise und steigende Massenarbeitslosigkeit treffen die am wenigsten Qualifizierten, Tagelöhner und Schwarzarbeiter ohne Gnade. »Die Krise verursacht, dass viele Einheimische jetzt die Arbeiten übernehmen, die sie vorher nicht machen wollten und von den Immigranten erledigt wurden«, beschreibt Jemini Pandya, Sprecher der »Internationalen Organisation für Migration« (IOM), die von der Krise ausgelöste »Nationalisierung von Arbeitsplätzen«.
In Europa ist Spanien beispielhaft für das schwere Los der Wirtschaftsflüchtlinge. Sie leben schon mit Arbeit unter prekärsten Umständen, verlieren nun aber oft ihre Jobs. Über vier Millionen Arbeitslose registrierte das Nationale Statistikinstitut zuletzt, so viele wie seit elf Jahren nicht mehr. Mit einer Quote von 17,3 Prozent bewegt sich das südeuropäische Land auf die 20-Prozent-Marke der 1990er Jahre zu, damals ein trauriger Rekord in der Europäischen Union. 2009 wird das Bruttoinlandsprodukt nach den Prognosen um drei Prozent schrumpfen. Das auf Pump und Spekulation gegründete Immobiliengeschäft war 2008 zusammengebrochen, die Industrie fährt wegen des globalen Nachfragerückgangs die Produktion zurück.
Von Entlassungen sind zuerst die Niedriglöhner aus dem Ausland betroffen, die im Baugewerbe, in der Landwirtschaft oder an den Fließbändern der Fabriken schuften. 2008 nahm die Zahl der ausländischen Arbeitslosen um 109 Prozent auf 552 800 zu, während das Plus bei den Spaniern 76 Prozent betrug. Viele der 4,2 Millionen Immigranten des 46-Millionen-Einwohner-Landes packen jetzt ihre Koffer. Allein 2008 sind über 300 000 in ihre Länder wie Ecuador und Bolivien zurückgekehrt.
Besonders hart trifft es die 1,4 Millionen Arbeitslosen ohne Anspruch auf Arbeitslosenhilfe, die wegen fehlender Papiere, Schwarz- oder Kurzarbeit vom Sozialsystem ausgeschlossen sind. Der Preis, den sie zahlen, ist hoch. »Viele entscheiden sich, die schwere Lage auszuhalten und jede nur mögliche Arbeit anzunehmen, koste es, was es wolle. Das Ergebnis ist nur noch mehr Ausbeutung«, so Pandya.
Doch selbst legale Einwanderer wollen spanische Behörden loswerden – mittels eines Mitte 2008 aufgelegten »Anreizplans zur freiwilligen Rückkehr«. Ausreisewillige bekommen 40 Prozent ihrer Arbeitslosenhilfe (im Schnitt rund 500 Euro monatlich für drei Monate) auf einmal ausgezahlt, den Rest in ihrem Heimatland. Dafür müssen sie auf ihre Arbeits- und Niederlassungsgenehmigung verzichten sowie Spanien für drei Jahre fernbleiben. Die Rückflugtickets zurück in die Armut der 20 teilnehmenden Staaten (Ecuador, Mexiko, Dominikanische Republik, Philippinen, Malaysia) werden ebenfalls vom Staat getragen. Der Plan scheiterte, nur wenige tausend Migranten nahmen teil.
Auch aus Asien und den Öl-Scheichtümern des Persischen Golfs kommen schlechte Nachrichten. Dubai rechnet für 2009 mit einem Bevölkerungsrückgang von 15 Prozent. 15 000 Immigranten haben im ersten Quartal die chinesische Enklave Macau verlassen, dessen Bevölkerung sich durch Zuwanderung von 2003 bis 2008 vervierfacht hatte. Singapur erwartet die Abreise von 200 000 Personen, für 2010 den Verlust von 300 000 Jobs in Industrie, Bau und Finanzgewerbe. »Erst gehen ausländische Banker und Anwälte, es folgen die Fabrik- und Bauarbeiter«, so Analysten der Großbank USB.
Angesichts riesiger Wohlstandsgefälle wird es das Phänomen der Wanderarbeiter aber auch in Zukunft geben. Es handele sich derzeit allein um einen »strategischen Rückzug«, heißt es bei der OIM.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Viel Schuften für wenig Geld DIW: Niedriglöhner arbeiten teilweise über 50 Stunden pro Woche
Risiko-Prämie für Friedenssicherung KfW förderte fragile Staaten mit 900 Millionen
Erdgas unter der Fahner Höhe Auch in Thüringen formiert sich Widerstand gegen Fracking-Projekte
Preis: 75,00 €
Preis: 15,90 €
Werbung:
Werbung: