|
Spaziergängerin in Berlin, 1914
Foto: AKG
|
Im Keller des pathologischen Instituts der Berliner Charité stand Jahrzehnte lang unbeachtet ein Sarg mit einer Wasserleiche, der Kopf, Hände und Füße abgetrennt waren. Der Rechtsmediziner Michael Tsokos entdeckte nun »verblüffende Ähnlichkeiten« mit der am 15. Januar 1919 ermordeten Rosa Luxemburg. Die Untersuchung der sterblichen Überreste ergab, dass es sich um eine Frau handelt, die zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 40 und 50 Jahre alt war, einen Hüftschaden und ein kürzeres Bein hatte sowie an Arthrose litt. Dies seien anatomische Indizien, die auf die am 5. März 1871 in Zamocs/Kongresspolen geborene deutsch-polnische Revolutionärin verweisen.
Der Berliner Historiker Jörn Schütrumpf teilt den Verdacht von Tsokos. Im Gespräch mit ND verwies er auch auf das Protokoll der Obduktion einer Wasserleiche, die im Juni 1919 durchgeführt wurde. Das Dokument befindet sich im Militärhistorischen Institut Freiburg und sei »erstaunlicherweise« von allen Luxemburg-Forschern bisher unbeachtet geblieben.
Am 30. Mai 1919 hatte ein Schleusenwärter eine Frauenleiche aus dem Landwehrkanal gezogen. Der damalige Reichswehrminister Gustav Noske (SPD), Mitwisser und Mitschuldiger am Doppelmord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, sei unmittelbar verständigt worden. Er entschied, so Schütrumpf: »Die Leiche muss raus.« Diese sei dann nach Zossen gebracht worden, wo das Oberkommando des Heeres eigene Pathologen mit der Obduktion beauftragt habe. Jenen sei sofort klar geworden, dass sie nicht die ermordete Rosa Luxemburg vor sich hatten. Da sich inzwischen im »roten Berlin« aber die Nachricht von der angeschwemmten Frauenleiche herumgesprochen hatte und die alten Kräfte in Militär und Staatsapparat neuerliche »Unruhen« befürchteten, wurde die tote Unbekannte als Rosa Luxemburg ausgegeben. Die Mediziner wurden zum Stillschweigen verpflichtet. »Um ihre Seele zu retten, also nicht von späteren Fachkollegen der Fälschung bezichtigt zu werden«, sagt Schütrumpf, »hinterließen sie aber in ihrem Protokoll eindeutige Hinweise«. Nachkriegsmedinziner an der Charité hüteten das Schweigen als eine Art Widerstand in der DDR.
1919 bis 1922, so Schütrumpf, seien zehn Frauenleichen aus dem Spreewasser geborgen worden, neun konnten identifiziert werden; die zehnte, bei der es sich nach jetziger Expertenansicht um Rosa Luxemburg handeln müsse, blieb ohne namentliche Zuweisung. Denn man hatte ja die von Rosa Luxemburg bereits zur Beerdigung freigegeben. Als die Nazis 1935 das von Mies van der Rohe geschaffene Grab-Monument schliffen, wurde auch die vermeintliche Leiche Rosas eingeäschert.
Nach dem Krieg gelang es sowjetischen Inspekteuren, einen der Mörder von Karl und Rosa ausfindig zu machen. Otto Emil Runge wurde Ende Mai 1945 festgenommen. Seine Aussagen im Verhör, seien, so Schütrumpf, ein weiteres Indiz, dass die jetzt aufgefundene Leiche die richtige ist. Definitive Bestätigung könne nur ein DNA-Test geben. Dieser wäre möglich, wenn das verschollene Herbarium, die mehrbändige Pflanzensammlung Rosa Luxemburgs, aufgefunden wird.
Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Lothar Bisky erklärten für die LINKE: Sollten sich die Informationen bewahrheiten, dann »handelte es sich um ein zusätzliches verruchtes und verbrecherisches Vorgehen von Reichswehr, Gerichtsmedizin und Staatsanwaltschaft unter Verantwortung des sozialdemokratischen Reichswehrministers Noske«. Auch in der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung ist man empört. Pressesprecher Murat Cakir verlautete: »Nach der Ermordung Rosa Luxemburgs im Staatsauftrag auch noch ein widerliches Possenspiel mit der Toten im Staatsauftrag.«
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Wenn es gekracht hat, zählt jedes Detail Die online Kfz-Unfallskizze
»Alles, nur nicht hoch hinaus« Heute wird der Kabarettist Dieter Hildebrandt 85 Jahre alt
Viel Schuften für wenig Geld DIW: Niedriglöhner arbeiten teilweise über 50 Stunden pro Woche
Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
Preis: 14,95 €
Preis: 60,00 €
Werbung:
Werbung: