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Von Hans-Gerd Öfinger 29.06.2009 / Wirtschaft

Was Echo-Leser nicht wissen sollen

Zeitungsmitarbeiter in Darmstadt und Mainz protestieren gegen Tarifflucht und Arbeitsplatzverlust

Gegen die Tarifflucht ihres Unternehmens und drohende Vernichtung von mehreren hundert Arbeitsplätzen in der Region machten Beschäftigte der Medienhaus Südhessen GmbH am Wochenende mobil.

»Echo aus Darmstadt – Was Echo-Leser nicht wissen sollen«, lautete der Titel der Druckschrift, die gestern in Darmstadt verteilt wurde. Die Anspielung galt dem Lokalblatt Darmstädter Echo, das ein Hauptprodukt des Medienhauses Südhessen ist und mit verschiedenen Lokalausgaben in Darmstadt-Dieburg, Odenwald, Bergstraße und Groß-Gerau erscheint.

Stein des Anstoßes sind die Pläne der Medienhaus Südhessen GmbH und der in Mainz ansässigen Verlagsgruppe Rhein-Main (VRM), ab Mitte 2010 in der Opelstadt Rüsselsheim eine der größten europäischen Druckereien mit einer wöchentlichen Produktion von 28 Zeitungen und vielen Anzeigenblättern zu betreiben. Die Kehrseite: Die Arbeitsplätze von 150 Darmstädter und 300 Mainzer Druckern und anderer Beschäftigter werden verschwinden. Beide Verlage wollen im neuen Gemeinschaftsunternehmen die rechtliche Bindung an bestehende Tarifverträge aufheben. »Dies würde Tür und Tor für eine untertarifliche Bezahlung bis hin zu Lohndumping öffnen und den mörderischen Verdrängungswettbewerb in der Branche weiter verschärfen«, warnt das »Echo aus Darmstadt«. Die VRM produziert Lokalblätter wie die Allgemeine Zeitung (Mainz), den Wiesbadener Kurier und das Wiesbadener Tagblatt.

»Dr. Bach flüchtet ins Aus«, so die Schlagzeile des Extrablatts, die die Rolle des Medienhaus-Miteigentümers und Geschäftsführers Hans-Peter Bach anprangert. Bach ist ehrenamtlich Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt-Rhein-Main-Neckar und hatte den Betrieb von seinem Vater Max Bach übernommen. Über Jahrzehnte stand das Unternehmen in der Druckbranche »für solides Management mit sozialer Verantwortung – nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich gegenüber den Belegschaften«, erinnern sich ältere Beschäftigte. Diese lange Kontinuität wolle Bach jetzt »mit Brachialgewalt beenden«, kritisiert das Extrablatt. Es warnt davor, dass IHK-Präsident Bach nun möglicherweise die gesamte IHK »in dieses Fahrwasser bringen« und somit eine »neue Kontinuität von Unternehmenskultur« begründen wolle. Denn das Aushebeln der Tarifbindung werde nicht nur für die Beschäftigten »in das gesellschaftliche Aus der Erwerbslosigkeit« führen, sondern mache auch die IHK zum »Sammelbecken von verantwortungslosen Industrie- und Handelsunternehmen«.

Am Rande der Grundsteinlegung für das neue Druckzentrum in einem Rüsselsheimer Gewerbegebiet Mitte Mai hatten Beschäftigte der Darmstädter Zeitungsdruckerei gegen ihre drohende Arbeitslosigkeit protestiert. »Echo hilft: Nach außen hin sozial, für die Mitarbeiter eine Qual«, stand auf einem Schild. »Hier werden 143 Echo-Mitarbeiter beerdigt«, lautete eine weitere Aufschrift.

Die Darmstädter Verteilaktion, die am Sonntag bis in die Abendstunden fortgesetzt wurde, fand eine breite Resonanz. »Das darf doch nicht wahr sein! Wir beziehen schon seit vierzig Jahren das ›Echo‹ und haben davon nichts gewusst«, war die Reaktion eines Passanten. Wie die allermeisten Einwohner Darmstadts hatte er von den Plänen Bachs zur Tarifflucht bislang nichts erfahren.

Ver.di verhandelt seit mehreren Wochen mit der Medienhaus-Geschäftsführung über einen Sozialtarifvertrag. Die Gewerkschaft möchte für die Beschäftigten die Übernahme nach Rüsselsheim erreichen und fordert eine Mindestabfindung bei betriebsbedingten Kündigungen in Höhe von zwei Monatseinkommen pro Beschäftigungsjahr sowie die Einrichtung einer Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft. Die öffentlichen Proteste werden fortgesetzt.

Auch in Mainz hatten vor einer Woche ver.di-Mitglieder in einer Flugblattaktion auf den drohenden Arbeitsplatzverlust der Beschäftigten im dortigen Druckhaus hingewiesen. Ziel der Verleger sei es, im neuen Rüsselsheimer Druckzentrum ohne Betriebsrat und ohne Gewerkschaft zu produzieren.

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