Enric Duran (unten) erklärt seine »Aktion« gegen das Bankensystem per Videobotschaft auf YouTube.
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»Er ist genetisch unfähig, inkonsequent zu sein!« Er, das ist der 33-jährige Enric Duran, seit zehn Jahren in Barcelonas globalisierungskritischer Szene aktiv. Auf diese Beschreibung seiner Persönlichkeit können sich die am Tisch sitzenden Aktivisten einer Unterstützergruppe für Durans Freilassung ohne Umschweife einigen. Duran ist ein Visionär der praktischen Veränderung, frei von Dogmen, aber mit der festen Überzeugung, dass die Welt, wenn sie so bleibt, wie sie ist, nicht bleibt, erzählt Anna.
Hartnäckig und beharrlich arbeitet er seit Jahren in verschiedenen Projekten an einer anderen Welt – von Schuldenerlass für die Dritte Welt über Demonstrationen für eine entschleunigte Welt per Wachstumsrücknahme bis hin zu Infozentren wie dem von ihm mitgegründeten Infoespai im Stadtteil Gracia. »Er könnte ein Deutscher sein«, fügt Eduardo halb ernst und halb mit Blick auf die deutsche Leserschaft hinzu, deutsch in diesem Fall positiv besetzt mit konsequent und zielstrebig.
Dieses Muster zieht sich in der Tat wie ein roter Faden durch das Leben Enric Durans – auch das vorpolitische. Als Fünfjähriger begann er mit dem Schachspiel und brachte es zum katalanischen Schülermeister. Seine zweite vorpolitische Leidenschaft galt dem Tischtennis. Schon da zeigte sich seine Gabe der Überzeugungskraft, wie Anna es nennt. Er kann andere für seine Ideen begeistern. Damals war es seine Mutter, die auf sein Ansinnen hin im 60 Kilometer von Barcelona entfernt gelegenen Vilanova einen Tischtennisverein gründete, um dem sportlichen Ehrgeiz des Sohnes entgegenzukommen.
So akribisch wie dem Tischtennis und so strategisch wie beim Schach widmete er sich nach dem Abitur und dem Umzug nach Barcelona zwecks Soziologiestudiums der politischen Arbeit. Das Thema Geld, Schulden, Banken und ihre Rolle für das System stand von Beginn an im Zentrum seiner politischen Aktivitäten. »Enric war einer der Initiatoren der Volksbefragung über den Schuldenerlass für den Süden«, erinnert sich sein damaliger Mitstreiter und jetziger Unterstützer Víctor. Die Kampagne erzielte im März 2000 einen Achtungserfolg: Über eine Million Menschen gaben in Spanien ihr Votum ab und 98 Prozent sprachen sich für eine Schuldenstreichung zugunsten der Länder des Südens aus! Da die Befragung keine legale Grundlage hatte, war die Teilnahme ein Ausdruck des zivilen Ungehorsams – einer der Grundpfeiler des politischen Handelns nach Überzeugung Enric Durans.
»Enric ist ein großes Organisationstalent«, erzählt Víctor. Seine Fähigkeit brachte er bei der Kampagne gegen die Tagung des Internationalen Währungsfonds im September 2000 ebenso ein wie bei der Kampagne gegen die Weltbank (2001), gegen das Europa des Kapitals (2002), gegen den Irak-Krieg und ab 2003 beim Aufbau des Infoladens im Stadtteil Gracia. Dem Soziologiestudium konnte er hingegen nichts abgewinnen. Zu weltfremd erschienen ihm die von den Professoren gelehrten Theorien, nicht geeignet, um einen dringend notwendigen Wandel der Gesellschaft zu befördern. Nach vier Monaten und fruchtlosen Diskussionen mit den Professoren schmiss er sein Studium, erzählt Anna, um es als Autodidakt in Form eines Studiums generale fortzusetzen: Politik, Philosophie, Literatur, Wirtschaft und Finanzen. Es ging und geht ihm immer um das System als Ganzes. Und dass das gegenwärtige kapitalistische nicht zukunftsfähig ist, zeigt sich nicht nur für Duran an einem simplen Grundwiderspruch: Kapitalismus bedarf zur Renditesicherung eines fortwährenden exponentiellen Wachstums, und das in einer Welt endlicher Ressourcen. Bereits 2005 – längst vor der Finanzkrise – sann Duran über einen systemrelevanten Angriff auf die Banken nach, inspiriert von einem Freund, den er in Prag beim IWF-Gipfel getroffen hatte und der ihn Jahre später über mögliche Praktiken der fingierten Kreditbeschaffung informierte. Inspiriert war er auch von der lebenden Legende Lucio Uturbia. Der spanische Anarchist hatte 1980 mit brillant gefälschten Traveller Checks der Citibank im Wert von mehreren Millionen Dollar die damals mächtigste Bank der Welt und ihren Aktienkurs derart ins Wanken gebracht, dass sie gezwungen war, sich – um den Schaden zu begrenzen – auf einen außergerichtlichen Vergleich mit dem bereits verhafteten Täter einzulassen: keine Strafanzeige gegen Herausgabe der Druckplatten.
Ermittlung in Barcelona gegen die portugiesische Bank Espirito Santo (Heiliger Geist) wegen Geldwäsche.
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Mit Lucio teilt Duran die Einschätzung, dass die Banken die Menschen ausrauben und dass dieses Verhältnis legitimerweise umgedreht werden darf. Ende August 2005 begann Duran seinen kalkulierten Bankraub. Notwendige Voraussetzungen: ein fingierter Arbeitsvertrag, der 2200 Euro Monatslohn festschreibt, ein Unternehmen (der Infoladen), das diesen Lohn pro forma überweist und 3000 Euro Startkapital, um ein weiteres Unternehmen zu gründen. Mit 6000 Euro Startkapital als Kredit von einem ahnungslosen Verwandten legte Duran schließlich los und setzte die Kreditspirale in Gang. Von kleinen Konsumkrediten, die gigantische Kaufhäuser wie El Corte Inglés oder Carrefour anbieten, über ein von Volkswagen Finance finanziertes Auto bis hin zu einer Hypothek über 210 000 Euro auf eine angezahlte Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kredite flossen ohne genauere Prüfung des Antragstellers, bei Nachfragen reichten plausible Erklärungen. Mit frischem Geld aus neuen Krediten zahlte Duran anfangs die ersten Raten der alten Kredite. Nach einigen Monaten stellte er die Zahlung dann ein.
»Die Lawine wurde immer größer«, berichtete Duran. Vergangenen September beschloss er schließlich, alles Geld abzuheben, umzuverteilen und »die Aktion« öffentlich zu machen. 360 000 Euro flossen in soziale Projekte und in die Herausgabe der eigens gegründeten Zeitschrift »Crisi«, die mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren in Katalonien unentgeltlich verteilt wurde. Während der Verteilaktion war Duran selbst schon abgetaucht, dem Vernehmen nach in Lateinamerika. Doch wer glaubte, ihn als simplen Kreditbetrüger für den eigenen Vorteil inklusive Sonnenbads diskreditieren zu können, wurde enttäuscht. Auch in der Ferne arbeitete Duran weiter akribisch an seinem Projekt, das System und die Macht herauszufordern und zu demaskieren. Nach einem knappen halben Jahr kehrte er mit einer zweiten Zeitung zurück: Auflage 450 000, Titel »Podem!« Das heißt auf Katalanisch »Wir können«, dürfte aber keine Anspielung auf Barack Obamas »Yes, we can« sein, denn Durans Vision einer anderen Welt ist eine gänzlich andere: Wir können »ohne Banken, ohne Multis, ohne Geld, ohne politische Klasse«, kurzum »ohne Kapitalismus leben«. Durans Plan zur Systemabschaffung: »Wenn alle Schuldner die Rückzahlung gemeinsam verweigern, gehen die Banken pleite und kollabiert das System.«
Nicht zuletzt wegen der gegenwärtigen Finanzkrise war das mediale Interesse an Duran groß: Interview folgte auf Interview, Fernsehen, Radio, Zeitungen – alle gaben Duran ein Forum. Das brachte die bloßgestellten Kreditgeber in Rage, wollten sie doch die peinliche Sache geräuschlos aus der Welt schaffen. In die Enge getrieben, stellten 19 der geprellten Kreditinstitute schließlich Strafanzeige. Erst danach wurde Duran festgenommen, am Abend des 17. März. Und es erging ein Haftbefehl wegen mutmaßlich fortgesetzten Betrugs und Urkundenfälschung.
»Ich bereue nichts«, lässt Duran aus dem Gefängnis mitteilen. »Enric ist von seinem Weg völlig überzeugt, er hat eine klare Vorstellung davon, wie eine andere Gesellschaft aussehen soll, wenn auch nicht, wie man da hinkommt. Er weiß, dass der Systemwandel schwierig ist, und setzt dabei auf die Methode Versuch und Irrtum«, schildert Anna Durans Philosophie. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste: »Unsere Zukunft steht auf dem Spiel, nicht meine.« Es ist eine Einstellung, die derjenigen von Ackermann und Co. diametral entgegengesetzt ist, die mit Casino-Kapitalismus und irrealen Renditevorgaben von 25 Prozent, die realwirtschaftlich überhaupt nicht zu erwirtschaften sind, der jetzigen Systemkrise den Weg bereitet haben. Ob sie dazu genutzt werden kann, eine echte basisdemokratische Volkssouveränität zu schaffen, wie es Duran vorschwebt, ist offen.
So offen wie der Zeitpunkt der Entlassung Enric Durans aus dem Gefängnis. Seine Unterstützer arbeiten mit vielfältigen Aktionen daran. Und es sind weit mehr als Anna, Víctor und Eduardo.
20:00 Uhr, Berlin
Preis: 69,99 €
Preis: 39,99 €