Stellen Sie sich vor, ein Rolf-Herricht-Film wird gedreht, und die Obrigkeit will ihn nicht. Unmöglich, werden Sie sagen, bei jedem anderen Schauspieler wäre das zwar vorstellbar, beim aufmüpfigen Krug oder beim introvertierten Mueller-Stahl oder der schönen, subversiven Jutta Hoffmann – aber Herricht?! Rolf Herricht (1927–81) war in der DDR fürs Lachen zuständig, seine Figuren liebenswerte Tollpatsche, schüchterne Zeitgenossen und Wortverdreher, sportliche Nieten, technisch heillos unbegabt. Und dennoch fähig, die Hand, den Fuß und auch den Kopf gerade noch rechtzeitig aus jedem Getriebe herauszuwinden. Dabei stets mit einem naseweisen Spruch auf den Lippen, in Maßen frech: der kleine, arglose Mann von nebenan.
Als solcher wurde er von der DEFA manchmal in eine Uniform gesteckt. In »Geliebte weiße Maus« (1964) stand er, den Verkehr wie ein Orchester dirigierend, auf einer Dresdner Straßenkreuzung. Als »Reserveheld« (1965) beorderte man ihn zur Volksarmee, wo ihm die Offiziere schließlich das Bett bauten. Beide Filme waren Millionenerfolge. Doch dann geschah das Unfassbare: Um ihren Star weiter zu pflegen, ließ ihm die DEFA die Rolle des Kriminalleutnant Holms auf den Leib schreiben, in »Hände hoch oder ich schieße«. Im Herbst 1965 wurde gedreht. Im Dezember tagte das 11. Plenum. Das SED-Zentralkomitee attackierte die DEFA; im Studio brach Panik aus; an die Stelle zivilgesellschaftlichen Mutes traten Sicherheitsdenken und vorauseilender Gehorsam. Alle Produktionen kamen auf den Prüfstand: Ihre ideologische Grundhaltung wurde unter die Lupe genommen, und jeder einzelne Dialog. Was folgte, ist bekannt. Zwölf verbotene Filme, von »Das Kaninchen bin ich« bis »Spur der Steine«. Auch »Hände hoch oder ich schieße«.
Von heute aus gesehen, und ohne die Protokolle von damals zu kennen, ist das Verbot kaum nachvollziehbar. Sicher, der Film schwebte ironisch über den Dingen. Schon der Name der Kleinstadt, in dem er spielt, spricht Bände: Wolkenheim. Mit Bewohnern, die laut Kommentar »prinzipiell glücklich und zufrieden« sind. Nur eben Herricht alias Holms nicht. Weil es in Wolkenheim keine Kriminalität mehr gibt, hat er nichts zu tun, neigt zur Depression, muss zum Psychiater. Und träumt sich weg, nach London, um den Einbruch in die Bank von England aufzuklären. Ein DDR-Kriminalist, der zu Interpol will, als Verbotsgrund? Oder waren es die kleinen Spitzen, die Autor Rudi Strahl über das Drehbuch verteilt hatte? Sätze wie: »Vertrauen ist gut, zuschließen ist besser« oder »Und was auch geschieht, wir ignorieren einfach alles«, wie der Nervenarzt sagt? Damals, im hysterischen Frühjahr 1966, wurde noch jede satirische Pointe auf die Goldwaage gelegt.
Man kann gar nicht so schräg denken, wie in Zeiten höchster ideologischer Wachsamkeit gedacht wurde. »Hände hoch oder ich schieße« stolperte am Ende nicht über flotte Flapsigkeiten, sondern über das Veto des Innenministeriums. Das verwechselte Strahls poetische Erfindung mit der Wirklichkeit und sah im freundlichen Kinomärchen eine Gefahr für die eigene Existenz: Wenn es, wie im Film gezeigt, in der DDR keine Vergehen und Verbrechen mehr gäbe, dann wären Polizei und andere Sicherheitsorgane überflüssig. Das könne die DEFA wohl nicht im Ernst behaupten! Im September 1966 kam »Hände hoch oder ich schieße« in den Tresor.
Nun bringt die DEFA-Stiftung das kleine Werk doch noch ins Kino – heute ist Filmstart. Als letzten Baustein zur Geschichte des 11. Plenums. Filmhistoriker wird es freuen, auch wenn ästhetische Entdeckungen eher nicht zu machen sind. Und das Publikum? Gibt es noch ein Bedürfnis, einen netten, streckenweise behäbigen Schwarz-Weiß-Film aus der Ulbricht-Ära zu sehen? Wenn ja, dann haben vor allem die Schauspieler ihren Anteil daran.
Regisseur Hans-Joachim Kasprzik verpflichtete alle DDR-Komiker, die er auftreiben konnte: Neben Herricht spielen Hans-Joachim Preil als Antiquitätenhändler und Ex-Ganove, Herbert Köfer und Axel Triebel als Kleinkriminelle, Agnes Kraus als Gartenbesitzerin, Eberhard Cohrs als Fleischermeister, Gerd E. Schäfer als Psychiater, Manfred Uhlig als Bürgermeister, Otto Stark als Leipziger Kriminalist. Bruno Carstens war Herrichts Vorgesetzter. Fred Delmare, Edwin Marian, Hans Klering haben Sekundenauftritte. Und Evelyn Cron ist die schöne Angebetete des Helden. Ein stattliches Ensemble, wie nie zuvor und nie danach in einem DEFA-Lustspiel. Eine Kriminalkomödie, die im eigenen Land spielte und die Instrumente der Staatsmacht freundlich-ironisch auf die Schippe nahm, gab es bei der DEFA übrigens auch nie wieder.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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