»Klar, dass man davon nicht leben kann. Das kann man nur nebenher machen, wenn der Partner gut verdient«, erklärt die freundliche Dame beim Vorstellungsgespräch in einer Sprachschule in Bonn. 13 Euro zahlt die Schule den Lehrkräften pro Stunde – und steht damit keineswegs am untersten Ende der Leiter. »Andere Anbieter im Rheinland bieten 7,50 Euro pro Stunde«, berichtet Petra*, die seit Jahren als freie Sprachdozentin für Englisch und Deutsch als Fremdsprache (DaF) arbeitet.
13 Euro für 45 Minuten, das mag manchem Geringverdiener gar nicht so schlecht erscheinen. Doch die Dozenten, die in der Erwachsenenbildung dafür Englisch, EDV oder Spanisch unterrichten, sind selbständig: Sie müssen davon Betriebsausgaben, Steuern sowie Kranken- und Rentenversicherung (inklusive Arbeitgeberanteil) bezahlen. Hinzu kommt noch die Vorbereitungszeit und die Korrektur von Tests und Hausaufgaben, was in der Regel unentgeltlich erfolgt.
Selbst wenn man bei fairen Anbietern zu besseren Konditionen arbeitet, ist kaum ein Auskommen möglich: Auch Aris* aus München hat »am Ende des Geldes noch sehr viel Monat übrig«, erklärt er schmunzelnd. Doch eigentlich ist dem erfahrenen Deutschlehrer nicht zum Lachen zumute. Er unterrichtet 42 Stunden pro Woche bei verschiedenen Trägern, die mit 20-22 Euro sogar vergleichsweise gut bezahlen. Dennoch kann er sich und seine zwei Kinder mit der 56-Stunden-Woche, auf die er mit Vorbereitungszeit kommt, kaum über Wasser halten. »Ich habe null Altersvorsorge, und wenn es im Sommerloch drei Wochen keine Kurse gibt, stehe ich ohne Geld da«.
Aris arbeitet hauptsächlich in den Integrationskursen, die im Januar 2005 zur sprachlichen Integration von Migranten und Aussiedlern eingeführt wurden. Doch ausgerechnet in den staatlich verordneten und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beaufsichtigten Kursen ist die Situation der Dozenten oft besonders schlecht.
Bei den Vorgängerkursen, die über den Sprachverband organisiert wurden, gab es ein garantiertes Mindesthonorar vom 23,01 Euro. Dies wurde mit Einführung der Integrationskurse abgeschafft. »Seither geht es bergab«, berichtet Aris. Viele Dozenten haben trotz Vollzeitarbeit nicht mehr Geld in der Tasche als ihre ALG-II-beziehenden Kursteilnehmer.
»Auch die Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrer wären gerne integriert und würden gerne am kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen« heißt es deshalb in einem Protestbrief an Ministerien und Politiker, mit dem »Aktion Butterbrot« auf die desolate Lage aufmerksam macht. Die Dozenteninitiative wurde 1996 in München gegründet und arbeitet inzwischen bundesweit.
Auch Aris beteiligt sich an deren Protestaktionen, denn er ist überzeugt, »solange wir nicht organisiert sind, werden wir auch keinen Erfolg mit unseren Forderungen haben.« Streiks wie der der Mitarbeiter eines Trägers in Bielefeld im Frühjahr 2009, mit dem Honorarkürzungen abgewehrt wurden, sind eine Seltenheit. Gewerkschaftliche Organisierung ist für die meisten ein Fremdwort, auch wenn es zumindest in Berlin eine Dozenteninitiative der GEW gibt, die im Juni 2009 mit einer Veranstaltung an die Öffentlichkeit ging.
Schuld an der Misere in den Integrationskursen ist nach Ansicht von Kritikern vor allem die unzureichende Finanzierung durch das BAMF. So kritisiert die Bundestagsfraktion der Linken im Juni 2009 »Mängel des Konzepts, die von Beginn an bestanden«. Zwar wurde vom BAMF im Dezember 2007 der Beitrag an die Träger pro Kursteilnehmer und Stunde auf 2,35 Euro (statt 2,05 Euro) erhöht. »Völlig unzureichend« findet das nicht nur die Fraktion der Linken, sondern – in seltener Übereinstimmung – auch die FDP-Bundestagsfraktion. Sie forderte bereits im Juni 2008 in einem Antrag »mindestens 3,00 Euro« pro Teilnehmer, um ein »angemessenes Honorar« für Lehrkräfte zu ermöglichen.
Das BAMF sieht bis dato jedoch keinen Handlungsbedarf, so die Erfahrung von Aris und seinen Kollegen. Zwar bekommt ein Träger, der weniger als 15,00 Euro zahlt, nur die befristete Zulassung von einem Jahr. Danach muss er »die Qualität seiner Kurse unter Beweis stellen«, so Claudia Möbus, Pressesprecherin des BAMF, und betont »die Vertragsfreiheit zwischen Kursträger und Lehrkraft«. So bleibt die Misere der Dozenten wohl bestehen, und das, obwohl laut Pressemitteilung des BAMF vom 2. Juni 2009 die Integrationskurse »weiter auf Erfolgskurs« sind.
(*Die Namen wurden geändert, sind der Redaktion jedoch bekannt)
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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