Von Tobias Riegel
03.07.2009

Metaphern des Wandels

Ephraim-Palais begeht Jahr der Grafik mit drei parallelen Ausstellungen

Emma Stibbon, »Straße des 17. Juni«
Emma Stibbon, »Straße des 17. Juni«

Auf diesen Bildern trägt Berlin Schwarz. Düster und schemenhaft, aus der Ferne nahezu fotorealistisch, aus der Nähe teils wild zerkritzelt, tauchen auf Emma Stibbons meist mit Kreide und / oder Tusche kreierten »StadtLandschaften« Ikonen der Hauptstadt auf: Olympiastadion, die Schalterhalle in Tempelhof, das Graffito »Die DDR hat's nie gegeben«, der Brunnen der Freundschaft, ein Treppenhaus oder die Straße des 17. Juni. Die Exposition mit Werken der englischen Grafikerin ist eine von drei parallelen Ausstellungen, mit denen das Ephraim-Palais das aktuelle Jahr der Grafik begeht und die gestern eröffnet wurden.

Im zweiten Stock des pittoresken Baus in Mitte werden mit dem Hans-Meid-Preis ausgezeichnete Buchillustratoren gezeigt, im dritten Geschoss warten die widersprüchlichen Werke des Altmeisters und Weltstars Tomi Ungerer, der mit Kinderbüchern, erotischen Geschichten oder abgründigsten Schockgrafiken mit teils radikalen politischen Botschaften eine beeindruckende Themenpalette bearbeitet hat. Alle drei Ausstellungen werden bis 4. Oktober zu sehen sein.

»Wir wollen ja nicht nur konservieren«, erklärt Museumsdirektor Dominik Bartmann in Anspielung auf die etwa 100 000 Blatt an Grafiken, die das Stadtmuseum Berlin mittlerweile gehortet hat. »Sondern auch immer wieder den Bezug zum Heute herstellen.«

Das gelingt mit Stibbons Werken, bei denen man oft das Gefühl hat, die Motive bereits von aktuellen Pressefotos zu kennen. »Stibbon nutzt diese Geschichtsikonen als Metapher für den Wandel der Stadt«, so der Leiter der grafischen Sammlung und Kurator der Stibbon-Schau, Andreas Teltow. Emma Stibbon, die ähnliche Studien von Armenien und Leipzig schuf, kommt immer wieder nach Berlin zurück. »Hier sind viele historische Brüche noch sichtbar – das fasziniert mich«, erzählt sie. Neben den urbanen Skizzen zeigt ein Extraraum nicht weniger eindrucksvolle, flirrende und luftige Naturlandschaften.

Einem Wechselbad der Gefühle sieht man sich angesichts der Grafiken des Enfant Terrible des Genres , Tomi Ungerer, ausgesetzt. Ein anonymer Privatsammler aus Frankreich hat die mit leichter Hand gezeichneten Blätter mit den putzigen Kätzchen, der prickelnden oder schrägen Erotik und dem beißenden Zynismus ausgeliehen. Zentrum dieser Ausstellung sind 30 apokalyptische Illustrationen zu Claude Mollards Text »TGW«. Die Menschen ist hier zu einem hörigen Schneckenwesen unter religiös-faschistischer Knute mutiert.

Die dritte Schau bietet einen umfassenden Überblick über das Schaffen der Hans-Meid-Preisträger für Buchillustration seit 1994. Grafikfreunde sollten also viel Zeit mitbringen.

3.7. bis 4.10., Ephraimpalais, Poststraße 16, Tel.: 24 00 21 62

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