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Von Uta Herrmann 15.07.2009 / Berlin / Brandenburg

Weiße Mäuse, Clowns und Kafka in der Tüte

Eine Inszenierung vom »theater zum westlichen stadthirschen« in Koproduktion mit Thikwa

Wer auf den »Drahtseilakt für vier hoffnungslos überforderte Clowns« neugierig ist, dem kommt die Aufführung von »Kafka am Sprachrand« gerade recht. Ab dem 17. Juli agieren sie gemeinsam auf der Bühne F40 – Corinna Heidepriem, Dominik Bender, Wolfgang Fliege und Karol Golebiowski. Es ist schon sehenswert, wie sie das Publikum immer wieder zum Lachen bringen und es für etwa eine Stunde den Alltag vergessen lassen. Die Darsteller selbst sind ebenso mit Lust und Freude dabei und können dies gekonnt den Zuschauer spüren lassen.

Was vielleicht nicht immer zu bemerken ist – hier spielt der Schauspieler Dominik Bender vom »theater zum westlichen stadthirschen« mit seinen behinderten Kollegen vom Theater Thikwa. So ist eine Konstellation von vier sehr unterschiedlichen sprachfähigen und sprechwilligen Menschen – von der Überkommunikation bis zur Sprechverweigerung – entstanden. Sie konfrontieren sich mit bekannten und weniger bekannten Texten von Franz Kafka und reagieren darauf.

»Dabei ist etwas entstanden, was so nicht geplant war«, meint Anke Mo Schäfer, die gemeinsam mit Dominik Bender Regie führte. »Aus den Proben heraus hat sich etwas völlig anderes entwickelt, aber es ist schön und auch für mich überraschend.« Die Zusammenarbeit mit Thikwa schätze sie sehr. »Es ist immer wieder eine Herausforderung, sehr reizvoll und interessant, auch weil von den Darstellern viele Angebote kommen.« Darauf lässt sich die Regisseurin gern ein, denn »mit einer fertigen Inszenierung kann ich hier nichts erreichen«.

Die Idee, ein Stück über die Sprache – wie sie entsteht, wer darüber verfügt und dies in Beziehung gesetzt mit seinem Lieblingsautor – mit Darstellern des Thikwa-Ensembles zu inszenieren, hatte Dominik Bender schon länger. Seit der ersten Zusammenarbeit beider Theater 2004 (»Das Zarte wird ja immer überdroht«) hat sich zu seinem Kollegen Fliege eine Freundschaft entwickelt. Ihn wählte er für das »Experiment im Sprachlabyrinth« wegen seiner Erfahrungen aus. »Karol wiederum«, so Bender, »teilt sich nicht mit, weil er nicht verstanden wird«.

Dennoch war gerade er es, der mit einer Rede auf einem Thikwa-Fest seinen Kollegen vom »Stadthirschen« begeisterte. »Alle hatten ihn verstanden, obwohl er kein einziges normales Wort sprach. Der Klang seiner Verlautbarungen hatten mich gereizt.« Corinna Heidepriem ergänzt das Herren-Trio wunderbar. Sie, die sich sonst fast jeglicher Äußerungen verweigert, überzeugt hier durch Ausdrucksstärke und Lebendigkeit in der Mimik.

Sie alle sind die gesamte Zeit auf der Bühne präsent, was die Darsteller fordert und fördert. Zuweilen teilen sie die Bühne mit zahlreichen weißen Mäusen, kommen als Clowns oder Musiker. Auch Kafka ist nicht nur mit seinen Textminiaturen anwesend, sondern auch als Abbild in einer Plastiktüte. Dominik Bender hat inzwischen genug Erfahrungen, »um in alle Richtungen zu schauen«, auf alles zu achten und dabei Impulse zu geben. Das Publikum ist Beobachter dieser Kommunikation und wird immer mehr von den fantastischen Begegnungen, bei denen aus Geräuschen Klang, aus Klang Sprache und aus Sprache Sinn entstehen, angezogen.

Dass dies hoffentlich nicht die letzte Stadthirschenproduktion war, wünschen sich vor allem die Akteure des mit am längsten amtierenden Berliner Off-Theaters. Zum ersten Mal nach 27 Jahren hat es 2009 keine Fördermittel bekommen. Auch für »Thikwa selbst bedeutet diese Entscheidung eine mehr als ganz erhebliche Beeinträchtigung der Arbeit«, erklärt die künstlerische Leiterin Gerlinde Altenmüller.

Wiederaufnahme 17.-19.7., 23.- 26. 7., 20 Uhr, F40 – Fidicinstr. 40, Kreuzberg, Karten: 691 12 11, Infos zu weiteren Produktionen u.a. Missing Link mit Premiere am 18.7. 2009, 19.30, mit »geheimem« Aufführungsort im Web unter www.thikwa.de

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