Friedliche Massenaktionen von Arbeitern und Soldaten hatten im Herbst 1918 die Monarchie im Habsburger Reich zu Fall gebracht und die 400-jährige österreichische Vorherrschaft auch über Ungarn beendet. Die Regierungsgeschäfte in Budapest übernahmen linksbürgerliche Politiker wie Graf Mihály Károlyi (Premier) und Oszkár Jászi (Außenminister) in Koalition mit der Sozialdemokratischen Partei (MSzDP). Der neue Staat, die Ungarische Volksrepublik, sah sich jedoch sogleich mit gefährlicher innerer und äußerer Bedrohung konfrontiert. Ungarns Großgrundbesitzer, die ein Drittel des Landes besaßen, dachten nicht im Traum daran, es ihrem Standesgenossen, dem »roten Grafen« Károlyi, gleichzutun und ihren Besitz zugunsten der armen Landbevölkerung aufzuteilen. Zur konterrevolutionären Front gehörten auch die Kriegsgewinnler in der ungarischen Großbourgeoisie.
Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges, Frankreich und Großbritannien, versuchten, die vom russischen Oktober 1917 ausgelöste Revolutionswelle wenigstens in Mitteleuropa zum Stehen zu bringen. Paris forderte Budapest am 20. März 1919 ultimativ auf, sich aus Ostungarn, einschließlich Debrecen und Szeged, zurückzuziehen. Daraufhin demissionierte die linksliberal-sozialdemokratische Regierung. In der MSzDP-Führung setzten sich jetzt – auch unter dem Druck der in Gestalt der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte entstandenen Gegenmacht – Politiker wie Pogány, Hamburger und Jenö Landler durch, die mit dem inhaftierten Chef der ungarischen Kommunisten, Bela Kun, Kontakt aufgenommen hatten. Am 21. März 1919 setzten sie in ihrer Partei die Vereinigung mit den Kommunisten zur Sozialistischen Ungarnländischen Partei durch. Des Weiteren einigte man sich, eine Regierung mit der KP zu bilden, sozialökonomische Umgestaltungen in Angriff zu nehmen, eine Rote Armee zu schaffen und ein »aufrichtiges militärisches und ideologisches Bündnis mit der russischen Sowjetregierung zu schließen, um die Macht gegen die Imperialisten der Entente zu behaupten«. Vorsitzender des Revolutionären Regierenden Rates, der Exekutive der föderativen Räterepublik, wurde der ehemalige Sozialdemokrat Sándor Garbai. Von den 33 Kommissaren waren zwei parteilos, 17 kamen aus der Sozialdemokratie und 14 aus der KP, darunter Kun, der das Kommissariat für Äußeres übernahm, Georg Lukacs als Bildungs- und Károly Vantus als Landwirtschaftskommissar.
Die Räteregierung beschloss sogleich Maßnahmen für die Mehrheit des Volkes: Die Reallöhne der Arbeiter stiegen um 25 Prozent, Hunderttausend obdachlos lebende Budapester erhielten Wohnraum in den Häusern und Villen der Reichen, Mütter bekamen sechswöchigen Wochenurlaub. Schulbesuch, Studium und Gesundheitsfürsorge sollten kostenlos sein. Unternehmen mit über 20 Beschäftigte sowie Banken, Schulen und Theater wurden nationalisiert, beschlossen wurde die Trennung von Staat und Kirche. Enttäuscht blieben die mehr als eine Million landarmen Bauern, da die Räteregierung Grundbesitz von über 57 Hektar an Genossenschaften gab und nicht unter ihnen aufteilte, wie erwartet wurde.
Lenin verfolgte die Vorgänge in Ungarn aufmerksam und kam zu dem Schluss, dass die Räterepublik der Welt etwas zeige, »was in Bezug auf Russland verborgen blieb: dass der Bolschewismus mit einer neuen proletarischen Arbeiterdemokratie verbunden ist, die an die Stelle des alten Parlaments tritt«. In einem Industrie- und Kulturland wie Ungarn sei es möglich, auf einem »humaneren Weg zu demselben Ziel« zu gelangen.
Die bürgerliche Welt, ob der Räterepubliken in Russland, in der Ukraine, in Belorussland, Litauen, Estland, Lettland, in der Slowakei, Bayern sowie eben auch in Ungarn in Panik geraten, denunzierte die Rätemacht in Budapest als Ergebnis einer »jüdisch-bolschewistischen Verschwörung«. Nachdem Hetze, Wirtschaftsblockade und diplomatischer Druck wirkungslos blieben, entschieden sich Paris und London zur militärischen Intervention. Sie fanden hierfür willige Büttel in den bürgerlichen Regimen Bukarests und Prags, zumal sie jenen das slowakisch-magyarische Oberungarn bzw. das rumänisch-ungarische Siebenbürgen als Belohnung zusprachen.
Der Gefahr bewusst, entschied sich Kun als verantwortlicher Kommissar für Äußeres, auf einen von Frankreichs Premier Clemenceau unterbreiteten Deal einzugehen: Abzug der ungarischen Truppen aus den slowakischen Gebieten und Rückzug der rumänischen Okkupanten aus Ostungarn. Lenin stimmte dem von Kun angenommenen Kompromiss am 18. Juni 1919 zu, warnte aber zugleich: »Trauen Sie der Entente nicht einen Augenblick, sie will nur Zeit gewinnen, um Sie leichter erdrosseln können.« Eben das geschah dann auch.
Die 100 000 Mann starke ungarische Rote Armee konnte dem 147 000 Mann zählenden französisch-rumänischen Interventionsheer nicht standhalten. Die Revolutionäre wurden zudem von Landsleuten verraten. Am 25. Juli 1919 hatten die rechten sozialdemokratischen Führer Peidl und Peyer mit der britischen Mission in Wien Hilfe zum Sturz der Rätemacht in Ungarn vereinbart. Angesichts der zu erwartenden Tragödie erklärte Kun: »Wir werden mit einem gereifteren Proletariat einen neuen Kampf beginnen«. 48 der 51 Regierungskommissare traten zurück und übergaben am 1. August 1919 die Macht einer »Gewerkschaftsregierung« unter Peidl. Dieser agierte nur eine Woche als »Bluthund« in Ungarn; er wurde von rumänischen Besatzungstruppen abgelöst. Es folgte das Regime des Industriellen Friedrich, den wiederum Admiral Horthy beerbte, der Henker der Matrosen von Cattaro (1918), der in Ungarn ein faschistisches Regime etablierte.
Im »Schwarzbuch des Kommunismus« wird behauptet, die Räterepublik sei der »erste Fall« sowjetischen Revolutionsexports und »Roten Terrors« gewesen, weil 129 Menschen während der Räteherrschaft hingerichtet worden seien. Unerwähnt bleibt in diesem Fabrikat jedoch der »Weiße Terror« Horthys. Auf dessen Blutkonto gingen 7500 Ermordete und 70 000 Eingekerkerte; 100 000 Ungarn wurden in die Emigration getrieben.
Die Niederlage der ungarischen Räterepublik hat vielerlei Ursachen. Lenin nannte einige: Uneinigkeit in Partei und Regierung, Fehler in der Bauernpolitik, »der unerhörte Verrat« rechter Sozialdemokraten, aber auch der Umstand, dass »Ungarn zu klein ist, um allen seinen Feinden Widerstand zu leisten«.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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