Erholung an Bord der »Wappen von Bonn«
Foto: Komitee für Grundrechte
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Die »Wappen von Bonn« legte planmäßig ab. An dem Anleger der ehemaligen Bundeshauptstadt sind neben eher älteren Touristen waren gut 70 junge Menschen aus dem Nahen Osten zugestiegen. Die meisten machten es sich auf dem Sonnendeck bequem. Ferien vom Krieg! So heißt auch der Titel eines Projektes, dass das »Komitee für Grundrechte und Demokratie« nun bereits im elften Jahr veranstaltet. Die Männer und Frauen kommen aus Palästina und Israel. Zwei Wochen lebten die jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren in einer Jugendbildungsstätte nahe Bonn.
Nach vielen Seminaren, Workshops und Gesprächen war nun Freizeit angesagt. Intensiv hätten die Gäste gearbeitet, berichtet die Organisatorin des Projektes, Helga Dieter aus Frankfurt am Main. Man habe zwei fiktive Regierungsdelegationen gebildet, die, stellvertretend für die tatsächlich in Palästina und Israel Regierenden, Friedensverhandlungen führten. In vier Gruppen sei es um das Problem der Flüchtlinge, den Status von Jerusalem, die Zwei-Staaten-Lösung und die Verteilung der Ressource Trinkwasser gegangen.
Auf palästinensischer Seite ist der Soziologe Mohamed Joudeh der Koordinator von »Ferien vom Krieg« . In dem Ort Qulqeleh in der Westbank bildet der 44-jährige politisch Engagierte in gewaltfreiem Widerstand aus. Durch den persönlichen Kontakt zu den Jugendlichen konnte er viele Teilnehmer für die Reise nach Deutschland gewinnen. Natürlich sei es für die jungen Menschen aus der Westbank zunächst nicht einfach gewesen, sich mit Gleichaltrigen aus Israel an einen Tisch zu setzen. »Sie kennen Israelis nur als Soldaten und als Siedler«, erklärt Mohamed Joudeh. Nicht erst seit dem Bau der Betonmauer sei es quasi unmöglich, Kontakt zwischen den Menschen diesseits und jenseits der Grenze herzustellen.
Dem stimmt Shulti Regev zu. Der 62-jährige ist der Koordinator der israelischen Gruppe. Im Jahr 2003, während der zweiten Intifada, traf er eine kleine Gruppe von Palästinensern an einem Grenzübergang. Ihnen wurde von Soldaten verboten, Olivenöl zum Verkauf von der Westbank nach Israel zu bringen. Kurz entschlossen lud der resolute grauhaarige Mann die Kanister in sein Auto und beförderte sie so ohne Probleme über die Grenze.
Aus der spontanen Aktion entstand eine Freundschaft zwischen ihm und dem palästinensischen Olivenbauern. Die Söhne der beiden älteren Herren treffen sich inzwischen regelmäßig. Allerdings sei dies daheim schwierig. In den mit Soldaten und Stacheldraht gesicherten Räumen fühle man sich wie in einem Gefängnis. Mit einer ausladenden Geste zeigt Shulti Regev auf die auf dem Oberdeck in der Sonne dösenden jungen Palästinenser und Israelis. »Hier erleben wir uns als Menschen, nicht als Gegner.«
Zu Beginn des Projektes wählten die beiden Gruppen ihre »Präsidenten«. Auf palästinensischer Seite wurde dies Mohamad Rabah. Der 23-Jährige aus Ramallah ist von Deutschland begeistert. Nicht nur der Wohlstand hier, auch die Gastfreundschaft habe ihn sehr beeindruckt. Als angehender Maschinenbauingenieur habe er ein großes Interesse an der Industriegeschichte des Gastgeberlandes. Ausflüge nach Amsterdam und nach Köln seien für ihn völlig neue Erlebnisse gewesen.
Vom »Dom und den Grachten«, schwärmt der junge Mann. Aber am stärksten werde ihm das Gefühl in Erinnerung bleiben, in Frieden leben zu können. Ob ein solcher Frieden auch in seiner Heimat möglich wird? Die meisten seiner Freunde, so sagt Mohamad Rabah, wollen dauerhaften Frieden mit Israel. Sogar die Hamas, die in Gaza herrscht, beanspruche nicht mehr das ganze Land zwischen Mittelmeer und Jordan als Territorium eines palästinensischen Staates.
Ähnlich versöhnlich gibt sich sein Präsidentenkollege auf israelischer Seite. Shmulik Lederman glaubt fest, dass zwischen den beiden Völkern Frieden möglich sei. Dies hätten die vergangenen zwei Wochen bewiesen. Man habe zusammen nicht nur diskutiert, sondern auch gegessen, getrunken, gefeiert, erzählte der 29-jährige Student. Die Palästinenser hätten gezeigt, wie eine traditionelle Hochzeit zelebriert wird. »Natürlich nur als Vorführung, geheiratet hat in Wirklichkeit niemand«, warf Mohamad Rabah ein. Im Gegenzug hätten die Israelis den Palästinensern gezeigt, wie sie das Fest Purim feiern, sagt Shmulik Lederman. Der Student, der im kommenden Jahr seine Lehrer-Ausbildung abschließen wird, berichtete von gemeinsamen Fußballspielen. Tischtennis und Volleyball gehörten neben den Workshops zum Alltag der Besucher.
Fast wie eine Jugendfreizeit erschien das Treffen der beiden Gruppen. Dann aber riss eine Frage die beiden Präsidenten aus der Harmonie. Sie lautete: Wie erlebten sie den bewaffneten Konflikt zwischen Israel und Palästina? Mohamad Rabah antwortete einsilbig: »Ein Freund von mir wurde vor kurzem erschossen.« Leicht zucken seine Mundwinkel. Auch Shmulik Lederman versuchte zunächst, das Thema kurz abzuhandeln. Zwei Freunde seien bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Aber Mohamad Rabah hakte nach. Wo ist dies geschehen? In der Westbank, erklärte der junge Israeli. Seien die beiden Männer Soldaten gewesen? Ja, gab Shmulik Lederman zu. Dann sei dies doch kein Terroranschlag, sondern eine Kriegshandlung, ein Akt der Verteidigung gewesen.
Schnell redeten sich die beiden Männer in Rage. Was ist gerechtfertigte Kriegshandlung, was ist zu verurteilender Terror? Kassam-Raketen der Hamas auf israelische Kindergärten? Schüsse israelischer Soldaten auf flüchtende palästinensische Kinder? Ein Blick in die heimische Realität schien den bis dahin konstruktiven Dialog zu zerstören. Besonders die Asymmetrie des Krieges zwischen den ungleichen Gegnern erschwert eine mögliche Einigung.
Hart mit der israelischen Militärstrategie seit Dezember vergangenen Jahres ging Ari Eitan um. Der 31-jährige Israeli aus Jerusalem war einer der ältesten Teilnehmer des Projekts. Als Friedensaktivist verurteilt er scharf das Vorgehen der Armee in Gaza. »Die meisten Opfer auf israelischer Seite wurden von den eigenen Soldaten getötet. Friendly Fire« sei der zutiefst sarkastische Fachbegriff für das versehentliche Töten von Soldaten durch die eigenen Männer. »Das geschieht oft, wenn man 18-jährige Kinder Panzer fahren lässt«, sagte Ari Eitan. Natürlich kennt auch er die Schrecken des Terrors. Keine 30 Meter sei er entfernt gewesen, als im israelischen Teil von Jerusalem eine Bombe detonierte. Kaum waren die Rettungskräfte eingetroffen, explodierte ein zweiter Sprengkörper, der neben vielen Teenagern auch die Sanitäter tötete.
Bereits als Kind wurde er von palästinensischen Kindern mit Messern bedroht worden. Er kenne die Angst. Sogar hier in Deutschland habe er sich zunächst nicht sicher gefühlt. Die israelische Gruppe hatte am ersten Abend bereits ihr Quartier bezogen, als die jungen Menschen aus Palästina eintrafen. Diese trommelten, teils wohl aus Übermut, teils wohl als Provokation gedacht, mit den Fäusten gegen die Schlafzimmertüren der Israelis. Manche hatten ihre Gesichter mit Tüchern verhüllt. »Ich erinnerte mich unwillkürlich an die Bilder von Olympia 1972«, sagt Ari Eitan.
Am nächsten Morgen habe man sich beim Frühstück aber freundlich begrüßen können. Für den jungen Friedensaktivisten war es besonders wichtig, den Palästinensern den historischen Hintergrund des Staates Israel vermitteln zu können. »Beide Völker finden in meiner Heimatstadt ihre religiösen Wurzeln.« Scherzhaft fügte er hinzu: »Jerusalem ist ein religiöses Disneyland. An jeder Ecke gibt es eine neue Attraktion.«
Auch er räumt dem Frieden in Nahost eine Chance ein. Gerade durch die neue US-Regierung habe sich viel verändert. Beide Seiten seien kriegsmüde.
Das Schiff hatte inzwischen sein Ziel erreicht. Über die Bordlautsprecher berichtete eine Frauenstimme über die Geschichte der Stadt Königswinter. Konrad Adenauer habe hier die CDU gegründet. Der Petersberg sei Gästehaus der Bundesregierung. Queen Elisabeth, Michail Gorbatschow, Bill Clinton und Jassir Arafat hätten bereits hier übernachtet.
An der Reling stand eine junge Palästinenserin und schaute auf den Rhein: »Wenn wir so viel Wasser hätten, hätten wir auch Frieden.«
Seit 2002 haben etwa 1200 junge Israelis und Palästinenser an den Dialogseminaren »Ferien vom Krieg« in Deutschland teilgenommen. Seit einiger Zeit wird separat ein Frauenseminar angeboten, um die Situation aus frauenspezifischer Perspektive zu diskutieren.
www.ferien-vom-krieg.de
Spenden an: Grundrechtekomitee
Konto: 8013055 bei der Volksbank Odenwald
BLZ: 508 635 13
Gott verbiete das jemand seinen Besitz auch mal selbst benutzen moechte!
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