Von Erich Preuß
12.08.2009

Altlasten bei der Bahn

Nach 100 Tagen steht Rüdiger Grube in einer gigantischen Baustelle

100 Tage sind seit dem Antritt des Mehdorn-Nachfolgers Rüdiger Grube vergangen. Anlass, kurz zu bilanzieren, was er bisher erreichte. Hoch angerechnet wird ihm das konsequente Aufräumen nach der flächendeckenden Datenschnüffelei und dem Einkauf der öffentlichen Meinung mit gezinkten Leserbriefen und Umfragen für 1,3 Millionen Euro.

Kaum einer der obersten Bahn-Führungskräfte blieb nach dem Mehdorn-Abschied auf seinem Platz. In der nächsten Ebene allerdings grummelt noch der Geist des poltrigen und überheblichen Ex-Vorstands. An der Basis dagegen wird Grubes Art, mit Politikern, Medien, Verbänden und Eisenbahnern umzugehen, gerühmt: freundlich, zuhörend und doch verbindlich. Der Fahrgastverband Pro Bahn beispielsweise ist glücklich, nicht mehr als Störenfried bezeichnet, sondern ernst genommen zu werden. Auch die Eisenbahnergewerkschaften sind von den neuen Umgangsformen angetan. Bleiben sie es, wenn sie die neuen Tarifverträge aushandeln?

Die Freundlichkeit in jeder Situation muss dem neuen Vorstand schwerfallen, denn das Mammutunternehmen Deutsche Bahn ist von der Krise schwer getroffen. Der Umsatz soll im ersten Halbjahr um 14 Prozent eingebrochen sein. An Einnahmen fehlen zum Vorjahr zwei Milliarden Euro. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern schmolz fast auf Null. Es gibt nichts zum Zusetzen, das Tafelsilber ist verkauft. Der Bahnspedition Schenker und dem Schienenverkehr fehlen die Güter, nun auch die Reisenden in der 1. Klasse. Weltweit wurden im Bahnkonzern in diesem Halbjahr etwa 3000 Stellen abgebaut. Wegen des Beschäftigungsbündnisses mit den Gewerkschaften ist das in Deutschland bis 2010 unmöglich, sodass auf Kurzarbeit ausgewichen wird.

Hinzu kommen die anderen Misslichkeiten und Skandale aus der Mehdorn-Ära, mit denen sich Grube herumschlagen muss, wie die Erhebung der Krankheitsdaten von den Eisenbahnern, die brüchigen Achsen, brennende Triebwagen oder das S-Bahn-Chaos in Berlin. Die Bilanzpressekonferenz am 20. August wird nicht die gewohnten Erfolge feiern, wie das unter Hartmut Mehdorn üblich war. Umso gespenstischer wirken die bisherigen Äußerungen des Nachfolgers, am Börsengang festzuhalten und für dieses Ziel bis 2012 weiter zu sparen.

Sympathische Züge könnte er der Bahn geben, hätte er einen Fahrplan für die Bürger und die Umwelt. Statt Steigerung des Ebits, also des Profits für die potenziellen Investoren, müsste ihn jemand erinnern, dass das Ziel einmal »Mehr Verkehr auf den Schienen« lautete. Seinen Mitarbeitern sollte er die markigen Sprüche des Marketings verbieten und sie stattdessen zum Handeln für den Kunden auffordern. Der sieht sich nämlich getäuscht, wenn, wie neulich in der Fernsehsendung »Hart aber fair« zur Kritik an der Fahrradbeförderung ein Pressesprecher erklärt: »Ist zu wenig Platz für die Fahrräder, hängen wir einen Waggon an.« Denn Verstärkungs- oder Kurswagen sind bei der Staatsbahn genauso rar wie die überfällige Lösung, im ICE mit dem Fahrrad die Urlaubsregionen zu erreichen. Auch mit dem Anschluss großer Städte und sogar der Landeshauptstadt Potsdam an den Fernverkehr wären Punkte und somit Reisende zu gewinnen.

Bisher ist nicht erkennbar, wohin die Deutsche Bahn steuert. Das scheint an den unsicheren politischen Verhältnissen vor der Bundestagswahl zu liegen. Die LINKE ist strikt gegen die Privatisierung, Grüne und FDP möchten die Infrastruktur beim Staat belassen. Jede Strategie kann sich in den nächsten Monaten als falsch erweisen.

Nur einer wird frohlocken: Hartmut Mehdorn. Vielleicht liest er in seinem Domizil am Mittelmeer die bösen Nachrichten und sagt sich, es war der richtige Moment, das sinkende Schiff zu verlassen. Noch vor der Mannschaft.