Sigmar Gude ist Stadtforscher und Gesellschafter des Stadtplanungsbüros TOPOS
Foto: privat
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ND: Seit einiger Zeit wird im Zusammenhang mit dem Gebiet rund um den Reuterplatz in Nord-Neukölln immer wieder von Gentrifizierungsprozessen gesprochen. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Gude: Ich würde die Entwicklung in Nordneukölln nicht primär mit dem Begriff Gentrifizierung beschreiben. Der Begriff Gentrifizierung bezeichnet den Ersatz einer Bevölkerungsstruktur durch eine reichere, die einhergeht mit einer vollständigen Veränderung der Alltagskultur in dem Quartier. In der Regel wird es initiiert durch Studenten oder kreative junge Leute, die in einem billigen Quartier anfangen, etwas anzubieten. Diese veränderte Kultur zieht einkommensstärkere Interessenten an. So wird nach und nach die alte Bevölkerungsstruktur und das gesamte Alltagsleben verändert. Von einer solchen Entwicklung sind wir in Neukölln wirklich noch meilenweit entfernt.
Also gibt es in Neukölln keine Gentrifizierung?
Dass es in einem solchen Quartier immer junge Leute gibt, die wegen der billigen Mieten herkommen, zum wohnen oder um ein kleines Geschäft, ein Atelier oder eine Galerie aufzumachen, das ist auch in Neukölln-Nord so. Aber allein, weil da der eine oder andere Akademiker hinzieht, von Gentrifizierung zu sprechen, finde ich falsch.
Können Sie das erklären?
Die Leute, die in den letzten Jahren nach Kreuzberg und Neukölln zugezogen sind, kann man nicht unbedingt als »Gentrifyer« bezeichnen. Zwar ist ihr Einkommen etwas höher als das der dort lebenden Bevölkerung, gemessen am Berliner Durchschnitt ist es aber immer noch sehr niedrig. Da entsteht sicherlich eine Konkurrenzsituation um bestimmte Wohnlagen, aber das spielt sich bisher auf einem relativ niedrigen Niveau ab.
Um Verdrängungsprozesse in größerem Umfang anzustoßen, bedarf es einer entsprechend großen Nachfrage und die haben wir gerade in Berlin nicht. Wo sollen die Vielverdiener denn herkommen? Augenblicklich sehe ich das wirklich nur kleinsträumig, an ganz bestimmten Ecken, nicht vergleichbar mit der Entwicklung in Mitte oder Prenzlauer Berg.
Woher kommt dann die Gentrifizierungsdebatte?
Ich sehe viel mehr die Ängste der Menschen vor den normalen Mieterhöhungen. Wir haben in den letzten 15 Jahren in Berlin eine enorme Steigerung der Mietbelastung erlebt. Gerade im unteren Preissegment gibt es – anders als unser Senat immer behauptet – eine große Anspannung. Die Mietsteigerung lag hier mit vier Prozent deutlich höher als im Berliner Durchschnitt von 1,1 Prozent. Die Bewohner des Richard-Kiezes haben mir z.B. gesagt, dass sie die Schließung des Tempelhofer Flughafens mit Skepsis sehen, weil sie Mieterhöhungen fürchten. Fallen die Belastungen durch den Flugverkehr weg, wäre das ein Argument für die Eigentümer, die Mieten zu erhöhen. Das sind die Dinge, die für die Leute dort viel wichtiger sind als so eine abstrakte Angst, da würden jetzt die Heerscharen gut verdienender Yuppies einfallen. Das ist meines Erachtens auch der Antrieb für die Leute, so etwas zu suchen wie eine Gentrifizierungsdebatte.
Können stadtpolitische Projekte wie die Investitionspläne für die Kindlbrauerei und eine zukünftige Bebauung des inzwischen geschlossenen Flughafens Tempelhof langfristig Verdrängungsprozesse auslösen?
Diese großen Projekte sehe ich nicht als Auslöser von Gentrifizierung. Am Kollwitzplatz hat die Gentrifizierung auch nicht erst damit angefangen, dass man die Kulturbrauerei groß umgebaut hat, sondern umgekehrt. Erst als schon ein erheblicher Anteil neuer Bewohner mit deutlich höheren Einkommen und anderen kulturellen Bedürfnissen dort wohnte, hat es sich für den Investor gelohnt, die darniederliegenden Brauereien aufzumotzen.
In Neukölln-Nord ist so etwas wie die Kindlbrauerei ein mühsamer Versuch, da irgendetwas reinzubringen. Inwieweit der von Erfolg gekrönt sein wird, muss man sehen. Auch ob eine Bebauung des Tempelhofer Flughafengeländes tatsächlich nach Neukölln ausstrahlt, ist schwer zu sagen.
Fragen: Anne Britt Arps
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