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Von Irina Wolkowa, Moskau 22.08.2009 / Menschen & Leben

Der blinde Virtuose an der Metro-Station

Noch keine russische Partei hat die Behinderten als Zielgruppe bei Wahlen entdeckt. Dabei würde es sich lohnen: Es sind 13 Millionen

Wladimir spielt fürs Überleben.
Wladimir spielt fürs Überleben.

Der Text der »Moldowanka« ist leicht angestaubt, die Melodie hat die Wirkung einer Droge. Die 1944 aufgearbeitete Volksweise treibt Zuhörern bis heute Gänsehaut über den Rücken und Musikern Schweißperlen auf die Stirn. Die Schussfahrt durch zwei Oktaven ist selbst für Könner ein Härtetest und das Tempo mörderisch: Die Geschichte des schlanken, dunkeläugigen Partisanen-Mädchens aus dem sonnigen Moldawien wird vor allem in Sechzehntel-Noten erzählt, dem Akkordeon-Spieler dabei schier Unmögliches abverlangt.

Straßenmusikanten lassen daher gewöhnlich die Finger von der »Moldowanka«. Wladimir Bodnja macht vor allem mit ihr sein Geld. Abends vor der Metrostation Molodjoshnaja im Moskauer Westen, wo zur Spitzenzeit alle 30 Sekunden ein Zug einfährt und seine Fracht ausspuckt. Wie angewurzelt bleiben die Menschen stehen und scharen sich im Halbkreis um den alten Mann, der draußen vor dem Ausgang der Station spielt. Mit traumwandlerischer Sicherheit fliegen seine Finger über Tasten und Knöpfe. Kein Muskel regt sich in seinem Gesicht. Seine Augen sind seltsam leer und gehen durch die Menge hindurch. Nur seine Fußspitzen sind ständig in Bewegung, hämmern im Takt der Melodie auf den unebenen Betonfußboden und stoßen dabei zuweilen an die schwarze Tasche: Die »Kasse«.

Davor liegt, was Wladimir Bodnja seinen »zweiten Schatten« nennt: Ein weißer Blindenstock. Sein Begleiter seit fast siebzig Jahren. Wie viel es genau sind, kann nicht einmal Bodnja sagen: »Ich sollte mir mein Brot möglichst schnell allein verdienen. Daher haben sie mich auf dem Papier einfach ein par Jahre älter gemacht. Zwei, vielleicht auch vier«.

Sie: das sind die Erzieher eines Kinderheims in Leningrad, heute St. Petersburg, wo er aufwuchs. Wladimir war mit einer unterentwickelten Netzhaut geboren worden und erkannte seine Umwelt nur verschwommen. Jugendpfleger hatten seine Eltern »bearbeitet«, ihr »defektives« Kind in »gute Hände« abzugeben.

Im Krieg verschlimmerte sich Wladimirs Augenleiden. Der Grund: Mangelernährung. 900 Tage ist Leningrad von deutschen Truppen eingeschlossen. Als das Kinderheim 1943 evakuiert wurde – bei grimmiger Kälte über den Ladoga-See, wo der Treck mehrfach beschossen wurde – erblindete er vollends. Im neuen Heim in Kasachstan stand ein altes Klavier. Wladimir entdeckte es, weil er mit ihm zusammenstößt, und brachte sich selbst das Spielen bei.

Das Klavier ließ Hunger und Kälte vergessen

Das Klavier wird sein Lebensinhalt, lässt ihn manchmal sogar Hunger und Kälte vergessen: »Ich war zum Skelett abgemagert und lief splitternackt herum, als mein Vater mich 1946 nach Hause holen wollte.«

Wieder in Leningrad, kam Wladimir erneut ins Kinderheim. Diesmal in eines für Blinde und Sehschwache. Dort erkannten Lehrer seine Begabung und förderten sie. Außer Klavier lernte er Akkordeon, die Knopfharmonika Bajan und ein halbes Dutzend andere Volksinstrumente spielen. Und eine Anstellung bekam er auch: Im Ensemble des sowjetischen Blindenverbandes. »Wir waren etwa 30 Musiker und 20 Konzerte pro Monat die Norm, Außerdem haben wir in Restaurants gespielt oder auf Hochzeiten. Wenn es gut lief, habe ich fast so viel wie ein Bergmann verdient.« Kurz bevor die Sowjetunion sich 1991 verabschiedet, bekam er sogar eine Wohnung. »Seither«, sagt Bodnja, »geht es nur noch bergab. Mit mir und mit Russland.«

Auch moralisch, meint Alla Wladimirowna, eine Frau in etwa so alt wie Bodnja, aber sehend und daher sein dritter Schatten. Sie muss ihn rechtzeitig warnen, wenn Polizisten auftauchen. Betteln ist verboten. Vor allem aber muss sie die schwarze Tasche im Auge behalten. Alla sammelt Münzen und Scheine wieselflink ein und stopft sie Bodnja in die Gesäßtasche. Zuhörer hätten schon öfter so getan, als ob sie Geld geben, sich dabei aber welches eingesteckt. Auch Betrunkene, sagt Bodnja, schnorrten ihn ständig an. »Einem habe ich neulich die gesamte Tageskasse überlassen müssen. Wenn nicht, hat er gesagt, mach ich dir deinen Quietschkasten kaputt.« Dann, meint Bodnja, könne er nur noch »den Gashahn aufdrehen«.

Schon zu Perestroika-Zeiten sei die Förderung von Behinderten und ihrer Organisationen drastisch gekürzt worden. Später ging der Kahlschlag weiter: Werkstätten für Behinderte wurden nicht mehr subventioniert, sondern wie Unternehmen besteuert und gingen reihenweise Pleite. Ebenso das Blinden-Ensemble. »Wir haben versucht, uns selbst zu vermarkten«, sagt Bodnja. »Die meisten haben inzwischen resigniert. Zuletzt trat nur noch eine Sängerin mit mir auf. Aber die hat sich im Frühjahr ein Bein gebrochen.«

Kein Wunder: Moskauer Straßen erziehen selbst Menschen mit Adlerblick zur Demut: Wer nicht ständig vor die eigenen Füße sieht, rutscht im Winter auf spiegelglattem Eis aus und stolpert im Sommer in ein Loch. Fußgänger-Unterführungen sind oft eine ähnliche Herausforderung. Wegen der unebenen, ausgetretenen Treppen sind selbst Menschen mit gesunden Augen gut beraten, sich am Geländer festzuhalten. So es eines gibt.

Seltenheitswert haben bisher auch farbige Markierungen der ersten und letzten Stufe für Sehschwache oder Rampen. Moskauer Promis, die sich Anfang Juli auf dem Kutusow-Prospekt und damit in bester Lage selbst in Rollstühle setzten, um auf das Elend von Gehbehinderten und Müttern mit Kinderwagen aufmerksam zu machen, warfen schon nach ein paar hundert Metern entnervt das Handtuch. Unmittelbarer Anlass für den Corso war der Bericht eines Massenblatts über einen Rollstuhlfahrer, der seine Wohnung seit fünf Jahren nicht mehr verlassen hat. Er wohnt im obersten Stock eines Fünfgeschossers aus der Chruschtschow-Ära und Aufzüge sind dort nicht vorgesehen.

Auch Inna, Bodnjas Ehefrau, traut sich nur in Begleitung von Alla auf die Straße. Die drei leben seit sechs Jahren zusammen. »Alla«, sagt Inna, »ist eine ehemalige Arbeitskollegin meines Schwiegervaters und hat ihm auf dem Totenbett geschworen, dass sie sich um uns kümmert. Solange wir leben«. Inna lächelt und streicht sich über das weiße Haar. Ihre muskulösen Hände bilden einen seltsamen Kontrast zu ihrer fast zerbrechlichen Schlankheit. Mit ihnen hat sie tausende Kranke massiert und sich Gesichter erschlossen. Auch das von Wladimir, der vor über vierzig Jahren ihr Patient war.

»Ich kann Licht und Farben hören«

Anders als Bodnja kam Inna schon blind zur Welt. Mitleid, noch kaum ausgesprochen, verbittet sie sich mit knapper Handbewegung: »Ich kann Licht und Farben hören! Was für Augen haben Sie?« – »Grüne hat sie«, sagt Alla, »dunkelgrüne«. Inna spricht das Wort – auf russisch tjomno-seljonnyje – nach, dehnt die Silben und lauscht ihrem Klang hinterher. »Eine Violine im oberen Bereich der Tonleiter«, sagt sie dann. »Vivaldi. Der Sommer.«

Gern würde sie »Die vier Jahreszeiten« einmal im Großen Saal des Konservatoriums erleben. »Früher«, sagt sie, »bekam man keine Karten, heute haben wir kein Geld.« Zusammen bekommen die Bodnjas knapp 14 000 Rubel Invalidenrente. Das sind cirka 350 Euro. Lebensmittel aber sind teuer, und von beider Rente muss auch Alla noch versorgt werden. Deren Rente ist so gering, dass sie jeden Morgen Werbeprospekte im Stadtzentrum verteilt. Bei Wind und Wetter. Wenn sie um 14 Uhr damit fertig ist, beginnt ihre zweite Schicht. Vor der Metrostation mit Bodnja. Alla, sagt er, sei nicht einfach seine Begleiterin, sondern seine Regisseurin. »Du sitzt falsch, hat sie zu mir gesagt. Du muss dich so hinsetzen, dass dein Gesicht zum Ausgang zeigt, nicht dein Rücken.« Seither, meint Bodnja, laufe das Geschäft sehr viel besser.

Die Gosse spricht von Krüppeln

Warum das ressourcenreiche Russland seine Behinderten zu solch einem armseligem Dasein verdammt, können sich die Bodnjas und Alla beim besten Willen nicht erklären. Und nicht nur sie. Ein UN-Report zur Lage der Behinderten in Russland fällt verheerend aus. Behinderte, rüffelt UN-Vizegeneralsekretär Kiyetaka Akaska, seien nicht Objekt karitativer Bemühungen und medizinischer Dienstleistungen, sondern vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, Parlament und Regierung seien daher verpflichtet, entsprechende Änderungen in Politik und Gesetzgebung vorzunehmen.

Zwar trat Moskau der Konvention zur Förderung und zum Schutz der Rechte und der Würde von Menschen mit Behinderungen im letzten September bei. Wirksam wird sie aber erst durch Ratifizierung, und die halten Politiker für verfrüht. Russland, fürchtet Waleri Selesnjow, Duma-Abgeordneter und nach Verlust der rechten Hand selbst behindert, sei gegenwärtig nicht in der Lage, die sich daraus ergebenden Verpflichtungen zu erfüllen.

Die sind in der Tat gewaltig und das betrifft nicht nur die Finanzierung. Schon die Sprachregelungen sind gewöhnungsbedürftig. Der Terminus »Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten« ist bisher nur bei Bürgerbewegten üblich. Die Gosse spricht von Krüppeln, das Gesetz von Invaliden.

Eigenartigerweise, meint Bodnja, der blinde Akkordeon-Virtuose, habe noch keine Partei Behinderte als Zielgruppe bei Wahlen entdeckt. Dabei würde sich das aus seiner Sicht »echt lohnen«. Betroffen sind immerhin dreizehn Millionen Menschen – fast jeder zehnte Bürger der Russischen Föderation. Allein der Blindenverband hat landesweit über 270 000 eingeschriebene Mitglieder.

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