Von Tom Mustroph
26.08.2009

Pilgerfahrten zum Ideal

Kunstfest Weimar: Nike Wagner bittet ins »Klassenzimmer der Nation«

Nike Wagner hat Courage. Die Leiterin des Kunstfests Weimar lädt zu einem Aufenthalt im »Klassenzimmer der Nation« ein. Das Klassenzimmer ist die Goethe-Schiller-Herder-Liszt-und-Wieland-Stadt Weimar. Die Lehrerin ist selbstverständlich sie. Und das Thema ist einerseits die große Kategorie des Ideals und andererseits der Einfluss des Kunstfests in der thüringischen Provinz auf das Weltgeschehen. Selbstbewusst-ironisch verweist Nike Wagner auf »Unstern«, das Motto des vergangenen Kunstfests. Der »Unstern« stieg in Weimar auf, und prompt kam die Finanzkrise. Bis zum 13. September widmet sich das »Pèlerinages« (Pilgerfahrten) genannte Festival dem Ideal – und schwuppdiwupp holen Politiker jeder Coleur und Nationalität die Rückbesinnung auf alte Werte als Krisenstimmungsbewältigungsinstrument hervor. Meint jedenfalls Nike Wagner.

Sie schaut nach, was Schiller dazu einst geschrieben und Friedrich Liszt später komponiert hat. Schiller sah 1795 die Ideale bereits entflohen. Melancholisch erinnert er sich in seinem Gedicht »Die Ideale« noch der Liebe, der Kraft und des Mutes von einst. Liszt fügte 1857 in seiner gleichnamigen symphonischen Dichtung der Schillerschen Melancholie eine zukunftsfrohe Aufwärtsbewegung hinzu. Gleich zweimal, als vierhändiges Klavierstück (gespielt vom Duo Tal/Groethuysen) und als Orchesterversion (MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Jun Märkl) wurde dieses Stück am Auftaktwochenende aufgeführt.

Überhaupt fällt auf, wie sehr Nike Wagner sich ihrem Ururgroßvater Friedrich Liszt anvertraut. Sie bringt den in seinen Äußerungen charmant-aphoristischen musikalischen Popstar seiner Zeit geschickt gegen den Systeme bauenden Urgroßvater Richard Wagner in Stellung. Weimar strahlt in ihrer Darstellung, während es in Bayreuth nur donnert oder dämmert. In einer Marketing-Guerrilla-Aktion wurde ein Liszt aus Pappmaché aufs Goethe-Schiller-Denkmal gestellt. Der nachgeborene Tonkünstler breitet nun seine Arme um die klassisch gewordenen Wortkünstler aus. Den Denkmälern von Wieland und Herzog Carl August wurden langhaarige und spitznasige Liszt-Schädel übergestülpt. Ganz überlisztet ist nun Weimar ... Das Musikprogramm ist gediegen und thematisch gut sortiert. Auf Auszüge von Beethovens siebter Sinfonie folgte die Uraufführung von Thomas Kesslers Komposition »Utopia«. Utopisches Potenzial war hier vor allem technologisch vorhanden. Jedes analoge Töne erzeugende Instrument war mit einer eigenen live-eletronischen Apparatur verbunden.

Versunkene Ideale tauchen im Filmprogramm zur Wendezeit wieder auf. Im Rahmen der Tanz-Medien-Akademie schafft der Klangkünstler Ludger Hennig die ideale Raumerweiterung. Große Stahlbleche dienen in der Schlosserei des ehemaligen Straßenbahndepots als Lautsprechermembranen. Sie geben Känge ab, die in Ohr und Hirn den Eindruck eines gewaltig erweiterten Raums erzeugen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Hanns Holger Rutz sowie den Tänzer-Choerografen Diego Gil und Jana Unmüßig strebt Hennig auch die ideale Kollaboration zwischen Medien- und Tanzkünstlern an. Anders als sonst üblich, ist die Klangkunst-Installation, in der die Tänzer sich bewegen, nicht starres Bühnenbild, sondern selbst veränderbar.

Die »Ideale Ausstellung« in der ACC-Galerie gegenüber dem Weimarer Schloss setzt sich vor allem mit den Angriffen auf »das Ideale« auseinander. Der spanische Künstler Fernando Claveria stellt die von außereuropäischen Flüchtlingen gebastelten Leitern aus, mit denen diese den sechs Meter hohen Zaun überwunden haben, der sie von ihrem Traumziel Europa trennte.

Wieviele Pilger der Aufforderung zur »Pèlerinage« ins Bildungsstübchen von Nike Wagner nachkommen, ist ungewiss. Das klassische Konzertprogramm versammelte vor allem thüringische Grauköpfe, während das Jazzfest an stimmungsvolle Open Air-Veranstaltungen erinnerte, bei dem das Publikum schön gesittet mitwippte und brav das Bier am Stand abholte. »Pèlerinages« bietet für jeden Besucher etwas und lädt gleichzeitig zum ernsthaften Nachdenken über Triebkraft und Verfall von idealen Zuständen ein. Ein echtes Kleinod in einem Land, dessen Image gerade vom Wahlkampf eines nicht so idealen Amtsinhabers ramponiert wird.

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