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Von Daniela Dahn 29.08.2009 /

Hat die Brisanz keiner bemerkt

»Kassandra vor dem Löwentor« – Monika Melcherts Hommage an Christa Wolf

»Medea Altera« von Angela Hampel, ein der Grafiken im
»Medea Altera« von Angela Hampel, ein der Grafiken im Buch

Die Literaturkritikerin, Herausgeberin und Autorin Monika Melchert hat eine eigene Methode entwickelt, das Werk ihr nahe stehender Schriftstellerinnen zu würdigen. »Die schönsten Szenen bei ...« – ein Zitat wie ein Edelstein aus je einem für sie wichtigen Roman, einer Erzählung, einem Essay wird zum Ausgangspunkt für eigene Reflexionen und Interpretationen. Ihr erstes derartiges Buch galt Anna Seghers, nun also, »Kassandra vor dem Löwentor« – Christa Wolf. Viele der zitierten Lieblingsstellen sind unsereins noch im Ohr, sie sind, wenn man so sagen darf, literarische Ohrwürmer. An andere wird man in Melcherts sehr persönlicher Auswahl erinnert, auch neu aufmerksam gemacht. Schließlich verleitet das Vorgehen, lesend die Passagen zu ergänzen, die persönlicher Vorliebe am nächsten kamen. So entsteht ein lebendiger Trialog, der ein großes Lebenswerk zunächst in einzelne Perlen zerlegt, sie dann aber doch zu einer geschlossenen Kette vereint. Diese ziert eine Christa Wolf, deren Credo der subjektiven Authentizität eine Schreibweise geprägt hat, die sie als Autorin in ihren Texten kenntlich macht. Was moderne Prosa ausmacht: dabei sein, wenn neue Einsichten entstehen.

Melchert erkundet in Wolfs Werk sachkundig Berührungen zu Traditionen großer Kollegen, wie zu Georg Büchner und seiner Erkenntnis, dass der erzählerische Raum neben den drei Dimensionen des Fiktiven auch die vierte, des wirklichen Erzählens hat. Aber auch zu Gemeinsamkeiten u.a. mit Gustave Flaubert, Michail Bulgakow, E.T.A. Hoffmann, Ingeborg Bachmann, Max Frisch. Da erschließen sich Zusammenhänge, auch wenn die Tonlage gelegentlich die einstige Literaturdozentin durchscheinen lässt. Der Textverständlichkeit, gerade auch für junge Leser, tut dies keinen Abbruch. Auch die einprägsamen Originalgrafiken bekannter Malerfreunde zu den besprochenen Texten runden das Bild.

Immer wieder gebannt ist Monika Melchert von den selbstbewussten, starken Frauenfiguren, die, »weniger eingeübt in die Techniken der Anpassung und der Abtötung ihrer Gefühle«, sich lieber zerreiben lassen, als ihre Gier nach Leben zu unterdrücken. Hier besonders gelingen ihr einfühlsame, lebenserfahrene Kommentierungen. Christa T., die Günderode, schließlich Kassandra und Medea – alles Gegenbilder gegen die ungeheuerlichen Deformationen, die Menschen zu allen Zeiten von der Gesellschaft abverlangt werden.

Bei der gut besuchten Buchpräsentation fragte ein westlicher Besucher die Literaturwissenschaftlerin Melchert: »Das konnte in der DDR erscheinen? Hat die Brisanz denn keiner gemerkt?« Oh doch, an aufreibenden Debatten hat es bei keinem Christ-Wolf-Buch gefehlt. Zwar wurde keines verboten, doch jeder Auszeichnung gingen heftige Attacken voraus, über Jahre wurde die inzwischen auch international zur moralischen Instanz gewordene Schriftstellerin in den heimischen Medien kaum erwähnt oder kaum zu Lesungen eingeladen. Und doch und gerade immer wieder die Überzeugung, anderswo nicht so verstanden, nicht so gebraucht zu werden.

Staatsdichterin? Wenn überhaupt, dann im Westen, wie die sorgfältige Bio-Bibliografie im Anhang veranschaulicht. Zahllose Ehrendoktorwürden an Universitäten und Ehrenmitgliedschaften in Akademien, wie 1984 der Europäischen Akademie der Künste und Wissenschaften Paris, Österreichischer Staatspreis, bis zur Wende nahezu alle bedeutenden Literaturpreise der Bundesrepublik. Dann in hartem Zugriff das Vom-Sockel-Holen. – Wenn Ihr aufhören könntet zu siegen, Sündenböcke zu denunzieren oder eure Gegner in barbarischen Kriegen zu vernichten, sagt Kassandra später, dann werdet ihr leben.

Diesem Buch jedoch mit seiner Absicht, ein Lese-Verführer zu sein, wäre ein Sieg, ein kleiner wenigstens, zu gönnen.

Monika Melchert: Kassandra vor dem Löwentor. Die schönsten Geschichten bei Christa Wolf. Trafo-Verlag. 222 S., m. Illustrationen, brosch., 14,80 €.

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