Von Antje Rößler
29.08.2009

Düstere Begleitklänge der Umbrüche

Das musikfest berlin 09 wirft einen ernsten Blick zurück ins 20. Jahrhundert

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Kurt Masur

Unermüdlich dreht sich der Festivalreigen. Nachdem zum Beispiel das Berlin International Music Festival und Young Euro Classic das Berliner Sommerloch wohltönend gefüllt haben, steht nun das musikfest berlin 09 vor der Tür. Die von den Berliner Festspielen veranstaltete Konzertreihe vereint Auftritte internationaler Spitzenorchester.

Schon in quantitativer Hinsicht ist es bemerkenswert, was hier zwischen dem 3. und dem 21. September aufgefahren wird: angefangen beim Chicago Symphony Orchestra über die Flagschiffe der britischen Orchesterlandschaft – darunter die BBC Symphony oder die Sinfoniker aus Birmingham – bis zu Ensembles aus Amsterdam, Bamberg, Riga oder Freiburg. Zudem treten vier Berliner Orchester an.

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Philharmonia Orchestra

Noch erstaunlicher ist es jedoch, dass sich die Programme der verschiedenen Klangkörper zu einem thematischen roten Faden verbinden. Winrich Hopp hat – das ist naheliegend – den 20. Jahrestag des Mauerfalls zum Ausgangspunkt gewählt. Gleichzeitig räumt der Künstlerische Leiter des Festivals ein, dass dieses Ereignis musikalisch »wenig ergiebig« sei. So hat man sich für einen symbolträchtigen »Umzug« entschieden: Drei Konzerte finden nicht wie üblich in der Philharmonie sondern im Konzerthaus statt.

Ohnehin wolle man »nicht nur mitjubeln, sondern den Blick zurück ins 20. Jahrhundert werfen«, so Hopp. Der Festivalleiter hat sich bei seiner Konzeption von dem Historiker Eric Hobsbawm inspirieren lassen, der das vergangene Jahrhundert ein »Zeitalter der Extreme« nannte. Und so stehen nun beim Musikfest zwei Komponisten im Mittelpunkt, deren Schaffen von den parallel sich ereignenden politischen Umschwüngen nicht zu trennen ist: Dmitri Schostakowitsch und Iannis Xenakis.

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Hans Zender

Von Schostakowitsch, über dessen bis zur Morddrohung reichenden Zermürbung durch die sowjetischen Staatsorgane man erst nach 1989 erfuhr, werden im Rahmen des Musikfests fast alle 15 Sinfonien aufgeführt. Iannis Xenakis wirkte auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Der 1922 in Rumänien geborene Grieche beteiligte sich zunächst in Athen am antifaschistischen Widerstand und floh 1947 beim Ausbruch des Bürgerkrieges nach Paris. In seinen Stücken hallen Straßenkämpfe, Demonstrationen und Schlachten nach; diese Erfahrungen verband der Komponist mit antiken Stoffen.

Joseph Haydn bildet schließlich den ruhigen Gegenpol zu diesen beiden aufwühlenden Vertretern des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig sorgt der Wiener Klassiker für einen schönen musikhistorischen Bogen, gelten doch Haydn und Schostakowitsch als Beginn und Ende der sinfonischen, in der Tonalität verankerten Tradition. Xenakis, der zwar auch Orchesterwerke schrieb, bewegt sich hingegen jenseits dieser Tradition. Unter dem Dach des Musikfests wird zudem ein weiteres Jubiläum begangen: Seit 25 Jahren führen die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) Benefizkonzerte durch. Die beiden Kammermusik-Veranstaltungen am 19. und 20. September finden zugunsten vom Amnesty International statt.

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Mariss Jansons

Viel gejubelt wird beim Musikfest wahrlich nicht. Einige Abende nennt Winrich Hopp sogar seine »Hades-Programme«. Dazu gehört das Eröffnungskonzert mit der BBC Symphony am 4. September, wo Schostakowitschs unheimliche Neunte Sinfonie von zwei grundstürzenden, archaisch-rituellen Orchesterwerken von Xenakis flankiert wird. Am 19. September führt das Berliner DSO Hanns Eislers Deutsche Sinfonie auf, die der Komponist zuerst als »Konzentrationslagersinfonie« bezeichnete.

Am fröhlichsten dürfte es am 18. September zugehen, wenn der Nachwuchs zum Zuge kommt. Berliner Schüler nehmen gemeinsam mit Musikern der Berliner Philharmoniker »Glorious Percussion« von Sofia Gubaidulina zum Ausgangspunkt für eigene Schlagwerk-Experimente; anschließend erklingt das »Original« der Gubaidulina im Konzert mit den Berliner Philharmonikern.

3.-21.9., www.berlinerfestspiele.de

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