Die größte Schwierigkeit beim Vorbereiten einer ND-Wanderung besteht gewöhnlich darin, die geeignete Gaststätte zu finden. Sie muss in angenehmer Umgebung liegen, gut erreichbar sein, über eine genügend große Freifläche verfügen und außerdem willens und im Stande sein, den Andrang von 800 bis 1600 hungrigen Wandersleuten zu bewältigen. Weil viele Ausflugsgaststätten in Ostberlin und im Umland nach der Wende in die Pleite schlitterten, wählten wir seitdem auch schon das Freibad Wendenschloss oder einfach den Hennigsdorfer Bahnhofsvorplatz als Ziel der Strecken aus.
Diesmal befinden sich am Sonntag, dem 20. September, von 8 bis 11 Uhr der Start und anschließend auch das Ziel auf dem Gelände der Trabrennbahn Karlshorst, unweit des S-Bahnhofs Karlshorst. Gewandert wird wahlweise auf einer 6,5 oder einer 12,5 Kilometer langen Distanz durch die Wuhlheide.
Vor 100 Jahren wäre die Suche nach der Gaststätte kein Problem gewesen. Das beschreibt Holger Lehmann sehr schön in seinem Buch über die historischen Berliner Ausflugslokale. Mit der Industrialisierung wuchs Lehmann zufolge das Bedürfnis, wenigstens sonntags den Mietskasernen zu entfliehen. Die Blütezeit der Ausflugsgasthäuser fällt in die Zeit von 1871 bis 1914. Es gab mitten im Wald und am Wasser eine ungeheuere Zahl von Gaststätten mit jeweils mehreren tausend Sitzplätzen. Die Besucher konnten in riesigen Biergärten sitzen und mitgebrachten Kaffee kochen. Es gab fast immer Konzertpavillons, Ballsäle, Kegelbahnen und Spielwiesen, oft Karussells, Schießbuden und Bootsverleih, manchmal Tiergehege, eine Schmetterlingsausstellung, eine Wasserrutsche oder andere Attraktionen. Den Ansturm dieser Zeit erlebten die Ausflugslokale später nie wieder. Schon in den 1920er Jahren machten neue Vergnügungsstätten wie Kinos und Varietés Konkurrenz.
1880 eröffnete die Bergschlossbrauerei die »Neue Welt« in der Hasenheide. Es handelte sich um das größte Gartenlokal, das sich im Laufe der Jahre zu einem Vergnügungspark mauserte. In dem 1903 hinzugefügten Saalbau sprachen Karl Liebknecht und Rudolf Breitscheid. Auf dem Gelände stehen inzwischen eine Bowlingbahn, ein Baumarkt, eine Kaufhalle – und Autos, denn es wurde hier ein Parkplatz angelegt.
Noch heute brummt das Geschäft im »Zenner«, doch vor 100 Jahren war dieses Gasthaus nur eins von vielen in der Gegend des Treptower Parks. In einer langen Kette reihten sie sich am Spreeufer aneinander.
Mit seiner »Terrasse am Halensee« installierte August Aschinger 1904 eine geradezu gigantische Schankwirtschaft, die auf zwei Etagen 7000 Gäste fasste. Heute liegt der Halensee eingequetscht zwischen Stadtautobahn und Bahngleisen. Dort herrsche ein enormer Lärmpegel, berichtet Lehmann.
An vielen Orten, die Lehmann beschreibt, sind ND-Leser schon vorbeigewandert, so an dem Terrain, auf dem sich im Uhlenhorster Forst das Waldrestaurant »Pferdebucht« befand, oder am »Müggelschlösschen« hinter dem Spreetunnel, von dem nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg nur noch Reste des Eiskellers übrig sind. Lehmann erwähnt jedoch auch einige Gastwirtschaften, die überdauerten, so »Rübezahl« und »Neu-Helgoland«, oder die eine Auferstehung erlebten wie die »Bismarckhöhe« in Werder/Havel, die bereits bei den Baumblütenfesten unserer Vorfahren einen Anziehungspunkt bildete. Weil Lehmann darauf achtet, aktuelle Tipps für eine Einkehr zu geben, gerät das Buch zu einem besonderen Reiseführer in die Berliner Bezirke, nach Erkner, Königs Wusterhausen, Strausberg, Oranienburg, Birkenwerder, Hohen Neuendorf, Potsdam und Kleinmachnow.
Holger Lehmann: »Berliner Ausflüge. Unterwegs zu den schönsten Zielen des alten Berlin«, Verlag für Berlin-Brandenburg, 216 Seiten (brosch.), 14,90 Euro, ND-Buchbestellservice, Tel.: 29 78 17 77
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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