Von Rabea Vogelsang
04.09.2009

Etwas anderes als Tierliebe

Veganismus als politische Bewegung führt nicht in die freie Gesellschaft sondern Nirgendwohin

Der politische Veganismus meldet sich verstärkt in der linken Szene zu Wort. Der Tierrechtsbewegung geht es um eine »Befreiung der Tiere« von der »Herrschaft der Menschen«. Abschaffung von Ausbeutung und Herrschaft liegt Linken im Allgemeinen am Herzen. Nur dass hier die Grenze zwischen Mensch und Tier verwischt wird.
Linksradikale Demo gegen den Zoo in Lübeck
Linksradikale Demo gegen den Zoo in Lübeck

Mit viel Kunstblut inszenieren sie Schlachtungen, verkleiden sich als Hühner und setzen sich in engen Käfigen in Fußgängerzonen. Sie stehlen Nerze aus Zuchtfarmen und setzen sie in der Umgebung aus. Sie brechen auch schon mal nachts in Pelzgeschäfte ein und verüben Rauch- oder Farbanschläge. Sie betreiben Boykott-Kampagnen und veranstalten Theorie-Kongresse – die Rede ist von Tierrechtlern. Sie wollen erreichen, dass alle Menschen vegan leben.

Veganismus ist zunächst nur ein Lebensstil, der prinzipiell die Verwendung von Tierprodukten ablehnt: Vegane essen kein Fleisch, keine Eier und Milchprodukte, keinen Honig; sie kleiden sich ohne Leder, Wolle, Seide. Veganismus greift in der Linken aber auch als politisches Programm um sich – inzwischen hat jede größere Stadt in Deutschland eine Gruppe, die sich gleichzeitig als Teil der Tierrechtsbewegung und der (radikalen) Linken versteht. Ihre Parole »Für die Befreiung von Mensch und Tier« ist auf Plakaten in linken Zentren zu lesen, grade erst trafen sich über 100 Aktivisten auf der Thüringer Burg Lohra zu einem mehrtägigen Tierrechtskongress.

Die Polit-Veganen sind empört, dass Menschen Tiere benutzen: Sei es als Nutztiere, Haustiere, Zoo- und Zirkustiere, als Nahrungsmittel oder zu Tierversuchen. Die gemeinsame Ideologie ist der »Antispeziesismus«. Demzufolge ist es ungerecht, dass Tiere nach anderen Maßstäben behandelt werden als Menschen. Das sei »Diskriminierung« von Tieren und darin zeige sich die »speziesistische Herrschaft« des Menschen über Tiere.

Grundrechte auch für Tiere

Nun sind viele Menschen gegen winzige Hühnerkäfige und Tierversuche. Antispeziesismus ist aber etwas ganz anderes als Tierschutz: Tierschützer wollen die Haltungsbedingungen von Tieren verbessern; Antispeziesisten lehnen Tierhaltung prinzipiell ab. Das ist ihre Prämisse. Gestritten wird dann nur noch über Begründungen und was daraus politisch folgen soll.

Die älteste und größte Strömung argumentiert »tierrechtlich« und »tierethisch«. Ihr Ausgangspunkt ist, dass dem Umgang mit Tieren dieselben grundlegenden moralischen Prinzipien zugrundegelegt werden müssen wie dem Umgang der Menschen untereinander. Folglich müssten auch Tieren bürgerliche Rechte gewährt werden. Populär wurde dieser Ansatz ab Mitte der 1970er Jahre durch den australischen Moralphilosophen Peter Singer. Er beurteilt Handlungen von Menschen allein danach, wie viel Glück oder Leid sie hervorrufen bei anderen »Individuen«, menschlichen wie tierischen. Singer meint tatsächlich, Leid unterscheide sich nur der Größe nach, egal ob es um Menschen oder Tiere geht und das Leid eines »Individuums« könne durch das Glück eines anderen ausgeglichen werden. Bei seinen absurden Kalkulationen mit Leid- und Glücksmengen kommt er zu dem Schluss, dass es gerechtfertigt sei, lieber einen behinderten Säugling als ein gesundes Tier zu töten. Den meisten linken Tierrechtlern schmecken diese brutalen Konsequenzen natürlich nicht. Sie beziehen sich deshalb heute hauptsächlich auf den amerikanischen Tierethiker Tom Regan, der ausdrücklich das Lebensrecht aller Menschen anerkennen will.

Regan fordert eine Begründung dafür, welchen »Individuen« Grundrechte zukommen sollen und zwar unabhängig davon, ob ein »Individuum« ein Mensch oder ein Tier ist. Nun gibt es Menschen, die zum Beispiel aufgrund von Hirnschäden ihre Rechte nicht selbständig wahrnehmen können. Das nehmen Anhänger dieser Denkrichtung zum Anlass, Nicht-Veganen die Frage zu stellen: Warum findest du es falsch, diese Menschen zu töten? Ein rhetorischer Trick. Egal, was man antwortet, es wird benutzt, um Rechte für Tiere zu begründen. Auch dieser Ansatz arbeitet also damit, die Rechte von Menschen in Frage zu stellen.

Weder Singer noch Regan haben mit ihrer Moraldogmatik irgendeine Kritik am Kapitalismus und an staatlicher Herrschaft im Sinn. Vegane aus der autonomen Linken grenzen sich deshalb seit gut 15 Jahren davon ab und versuchen, Veganismus mit einer Kritik an Herrschaft überhaupt zu verbinden. Mit dem Theorie-Werkzeug der Postmoderne behaupten sie ihren »Antispeziesismus« als emanzipatorisch und setzen »Speziesismus« – den im Grunde alle vertreten, die auf einem Unterschied zwischen Tier und Mensch beharren – mit Sexismus und Rassismus strukturell gleich. Sie »erklären« Herrschaft dadurch, dass es in der Sprache eine »kulturelle Struktur« gibt, die »Gruppen von Individuen« in Hierarchien einsortiert, indem die einen als kulturnäher und die anderen als naturnäher gestempelt würden. Die in dieser Strömung populäre Soziologin Birgit Mütherich nennt als Beispiel, dass wir sagen, Tiere fressen, aber Menschen essen. Aus ihrer Sicht ist beides jedoch der »Form und Funktion nach« identisch.

Moralische Dogmen mit Marx und Adorno

Überzeugend ist das nicht. Denn wenn Menschen essen, ist in jedem Lebensmittel und in jedem dazu verwendeten Werkzeug gesellschaftliche Arbeit vergegenständlicht. Die Art und Weise wie wir an Lebensmittel kommen, wie wir sie zubereiten und die soziale und psychische Bedeutung des Essens sind durch Bewusstsein und gesellschaftliche Arbeitsteilung geschichtlich vermittelt. Tiere fressen dagegen, was sie finden können. Wer da keinen Unterschied erkennen kann, will es schlicht nicht und leugnet damit die Besonderheit menschlicher Gesellschaft.

Eine menschliche Besonderheit lassen aber alle politischen Veganen gelten: die Fähigkeit zur Moral. Die zu leugnen würde schließlich auch ihr eigenes Projekt torpedieren. Daraus machen sie dann aber auch sofort die Pflicht, entsprechend ihres antispeziesistischen Dogmas moralisch zu handeln.

Die dritte und neueste Strömung ist da keine Ausnahme. Einige Antispeziesisten wollen eine Verbindung von Veganismus und Linkssein herstellen, indem sie das Ganze mit Marx und Adorno aufladen. Zwar werfen sie den anderen Tierrechtlern richtigerweise vor, idealistische Theorien zu vertreten, statt materialistisch das kapitalistische System zu analysieren und an seiner Abschaffung zu arbeiten. Aber auch sie stellen die Forderung auf, die Menschheit müsse veganer Moral folgen. Sie begründen das – marxistisch-kokett – mit dem Stand der Produktivkraftentwicklung in der Nahrungsmittelproduktion. So wird mal eben aus der technischen Möglichkeit zum veganen Lebensstil die moralische Pflicht dazu. Susann Witt-Stahl, Chefdenkerin dieser Strömung, will Uneinsichtigen sogar den Mund verbieten. Linke, die sich nicht als Ausbeuter empfinden, wenn sie ihren Milchkaffee trinken, sollen noch nicht einmal mehr Kapitalismus und Staat abschaffen wollen dürfen: »Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen«, schreibt sie in einer 2007 von ihr herausgegebenen Aufsatzsammlung.

Wer Menschen und Tiere gleichermaßen als Individuen behandeln will, übergeht, dass nur Menschen sich gesellschaftlich und bewusst aufeinander beziehen können. Diese Fähigkeit ist wesentlich, sowohl für das Begreifen der heutigen falschen Verhältnisse, als auch für die Möglichkeit ihrer Überwindung. Der beliebte Einwand, dass es Menschen gibt, die dazu nicht in der Lage sind, trifft nicht. Denn auch für sie gilt immer noch, dass sie Menschen sind. Ganz einfach, weil sie von Menschen abstammen. Der Einzelne muss dann nicht individuell auf seinen gesellschaftlichen Bewusstseinsstand hin überprüft werden.

Wie eine bessere Gesellschaft frei von den Zwängen der Profitmaximierung ihr Verhältnis zu Tieren gestaltet, lässt sich heute nicht klären. Aber sicher bringt uns Veganismus der befreiten Gesellschaft keinen Schritt näher. Im Gegenteil: Die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier führt in die Irre.

Die Autorin ist bei der Jungen Linken aktiv. www.junge-linke.org

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