Von Reinhard Renneberg, Hongkong
05.09.2009
Biolumne

DNA-Cousins gefunden

Vignette: Chow Ming
Vignette: Chow Ming

Schweizer Pünktlichkeit: Exakt zu meinem 58. Geburtstag bekomme ich eine E-Mail: »Sehr geehrter Herr Renneberg! Es liegen (Teil-)Ergebnisse für Ihren iGENEA-Test vor. [...] Um direkt zu Ihren Ergebnissen zu gelangen, melden Sie sich unter www.igenea.com/results mit Ihren persönlichen Anmeldedaten an.«

Die US-Firma FamilyTree arbeitet inzwischen mit der Schweizer iGENEA zusammen und macht die DNA-Tests. Sie besitzt die weltweit größte Datenbank mit aktuell 250 943 DNA-Profilen. (Wenn Sie das lesen, sind es sicher schon wieder mehr.)

Also her mit meinem Geburtstagsgeschenk! Wenig später finde ich im Internet eine allererste Analyse sowie Namen und die Herkunftsländer meiner neuen DNA-Verwandten. Die Namen sind mit E-Mail-Adressen versehen, ich könnte also allen sofort schreiben. Umgekehrt haben diese Teilnehmer, deren DNA mit meiner Übereinstimmungen zeigt, nun auch meine Adresse; ich habe sie freigegeben zur Publikation innerhalb des Projektes (und für interessierte ND-Leser: chrenneb@ust.hk).

Spannung! Die Namen habe ich noch nie im Leben gehört, und doch haben wir gemeinsame Vorfahren! Auf dem männlichen Y-Chromosom stimmen zwölf DNA-Marker genau mit meinen überein! Das ist die Linie unserer Väter. Und so schreibe ich E-Mails an David D., Michael S., Doug E., Julius von M. ... Die elektronischen Adressen lassen bestenfalls ahnen, wo diese neuen Verwandten wohnen.

Die geografische Übersicht ist nur grob: Exakte DNA-Übereinstimmung gibt es mit DNA-Verwandten aus Kroatien (1), Frankreich (1), Deutschland (5), Litauen (1, Ashkenas), Russland (1, Ashkenas) und einem Schweden. Total unerwartet sind die Ashkenasim. Ashkenasim sind bekanntlich eine Gruppe der europäischen Juden. Diese jüdische Linie ist neu für die Rennebergs. Die im Dritten Reich zusammengestellten Stammbäume bzw. »Ariernachweise« aus Kirchenbüchern zeigten nur eine lebensrettende reine »arische« Linie – molekulargenetisch mithin unhaltbar.

Sind aber überhaupt alle DNA-Verwandten in der Datenbank registriert? Gewiss nicht! Logischerweise werden nur Menschen erfasst, die sich selbst dem DNA-Test unterzogen – weil sie interessiert waren und es sich auch finanziell leisten konnten. Eine E-Mail-Adresse gehört auch dazu. Für meine sicher oft sehr armen afrikanischen DNA-Vettern dürfte das alles nicht zutreffen. Schade!

Und die mütterliche Linie? Hier ist es die mitochondriale DNA (mtDNA), die die nachweisbare Kette von Mutter zu Mutter bildet. Leider finden sich nur zwei Adressen, aber immerhin. Offenbar haben mehr Männer als Frauen die Tests gemacht.

Eine neue DNA-Verwandte ist Miss Patricia Anne G., ich schreibe ihr sofort eine E-Mail. Beim zweiten Namen bin ich einen Moment geschockt: Mrs. Anna Beatrice B. Das ist doch meine kleine Schwester Bea in Merseburg! Woher wissen die FamilyTree-Leute das?

Einen Moment später fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Den DNA-Test hatte ich ihr doch im letzten Jahr selbst geschenkt. Das musste demzufolge genau so herauskommen und spricht für die Exaktheit des Systems. Man könnte es mit einem Kalibrierschritt in der Chemie vergleichen.

Nun gucke ich also mehrfach täglich erwartungsvoll in das Mailfach, ob meine neuen DNA-Verwandten in aller Welt geantwortet haben. Hoffentlich sind sie ähnlich begeistert, einen neuen deutschen DNA-Vetter in China zu haben...

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken