Birgit Diezel, die einige Tage die Amtsgeschäfte von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) führte, hat Montagabend Christine Lieberknecht als Ministerpräsidentin in einer möglichen Koalition aus Sozial- und Christdemokraten vorgeschlagen. Damit deutet im Freistaat vieles auf eine Große Koalition hin – mit einer CDU-Politikerin an der Spitze. Denn der ehemaligen CDU-Fraktionschefin im Erfurter Landtag, aktuell Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit, werden gute Kontakte zur Thüringer SPD nachgesagt. SPD-Landeschef Christoph Matschie spreche in höchsten Tönen von ihr, so »Spiegel-Online«. Gute Vorbedingungen also für Sondierungsgespräche zur künftigen Regierungsbildung, die zwischen SPD und CDU an diesem Donnerstag fortgesetzt werden.
Lieberknecht will eine Erneuerung ihrer Partei durchsetzen. Offen kritisierte die 51-Jährige die Ankündigung von Althaus, vorübergehend die Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen. Es gehe um einen Neuanfang, so Lieberknecht, wenn nötig, auch mit den Sozialdemokraten. Eine deutlich Absage sowohl an Dieter Althaus, der einer Großen Koalition bisher im Weg stand, als auch an eine Rückkehr des früheren Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, der kurzzeitig als Übergangs-Ministerpräsident innerhalb der CDU ins Gespräch gebracht wurde.
Schon in jüngeren Jahren schoss Christine Lieberknecht quer. Als Schülerin flog sie aus dem Internat und schloss sich wenig später der evangelischen Kirche an. 1989 verfasste die studierte Theologin mit drei Gleichgesinnten den »Brief aus Weimar«, der sich an den Parteivorstand der Ost-CDU richtete und die Aufkündigung des Bündnisses mit der SED forderte. Anfang der 90er Jahre, Lieberknecht war damals Thüringens Kultusministerin, soll sie wesentlich zum Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Josef Duchac beigetragen haben.
Bis zuletzt hat die gebürtige Weimarerin Althaus öffentlich den Rücken gestärkt. »Er wird die Koalitionsverhandlungen führen und wieder das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen«, so die Ministerin noch Mitte vergangener Woche. Jetzt tritt sie wahrscheinlich dessen Nachfolge an. So kurzatmig ist die deutsche Politik. Und so verlogen.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Vom Absolutismus zur Zwangsehe? Ausgang der Thüringer Landtagswahl ist völlig offen
Bericht: Althaus muss zu Skiunfall schweigen Image-Broschüre sorgt in Thüringen für Wirbel
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