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11. 9.1973, morgens. Der Präsident (mit Helm) organisiert die Verteidigung der Moneda.
Foto: ND-Archiv
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129 ehemalige Mörder und Folterer der Pinochet-Diktatur werden den heutigen 36. Jahrestag des Militärputsches in Chile in Haft erleben. Vor wenigen Tagen ließ Ermittlungsrichter Victor Montiglio Haftbefehle gegen Polizisten, Militärs und Geheimdienstmitarbeiter aus den Zeiten der Gewaltherrschaft (1973-1990) vollstrecken. Den Männern konnte die Beteiligung an mehreren Terrorkampagnen nachgewiesen werden, denen Hunderte Gegner des Pinochet-Faschismus zum Opfer fielen.
Montiglio hatte die Ermittlungen gegen politische Gewaltverbrecher 2006 von seinem Kollegen Juan Guzmán übernommen, der seit 1998 gegen Augusto Pinochet Ugarte und seine Schergen vorgegangen war. Die jüngsten Festnahmen betreffen maßgeblich zwei Militärkampagnen: Die »Operation Cóndor«, in deren Verlauf in den 70er Jahren in sechs diktatorisch beherrschten Staaten Südamerikas Hunderte Demokraten ermordet wurden. Und die »Operation Colombo«, der 1975 119 chilenische Oppositionelle zum Opfer fielen.
Die Festnahmen der 129 Delinquenten sind das jüngste Kapitel der juristischen Aufarbeitung der Diktatur. Beginn und Höhepunkt der Justizoffensive gegen die chilenischen Menschenrechtsverbrecher war die Festnahme Pinochets im September 1998 in London. Auch wenn der Despot bis zu seinem Tod im Dezember 2006 einer Haftstrafe entgehen konnte, wurde das Eis damals gebrochen. Heute sind Hunderte Verantwortliche für Verbrechen während der Diktatur zur Rechenschaft gezogen worden. Vor allem aber wurde in Chile eine längst überfällige Debatte über die faschistische Herrschaft angestoßen.
Dass diese Aufarbeitung der Vergangenheit noch lange nicht abgeschlossen ist, zeigte sich parallel zu den jüngsten Verhaftungen in Santiago de Chile. Mitte dieser Woche musste der Oberkommandierende der Armee, General Oscar Izurieta, vor der verteidigungspolitischen Kommission des Abgeordnetenhauses vorsprechen. Der Grund: Izurieta hatte zahlreichen Militärs und Geheimdienstmitarbeitern Pinochets Anstellungen bei der Armee verschafft. Nachdem die Zusammenarbeit öffentlich geworden war, musste der führende Militär die Verträge wieder kündigen. »Das ist ein schwerwiegender Zwischenfall«, schrieb die Wochenzeitschrift der Kommunistischen Partei Chiles, »El Siglo«: »Während Tausende ihrer Opfer, ehemalige politische Gefangene und Exilanten vergeblich auf nur einen Centavo Entschädigung warten, stehen die Menschenrechtsverletzer wieder auf der Gehaltsliste der Armee.« Weiter heißt es in dem Blatt: »Die Demokratisierung der Streitkräfte ist eine Aufgabe, die wir nun sehr ernst nehmen müssen.«
Das Erbe der Diktatur spielt auch eine zentrale Rolle im laufenden Wahlkampf. Am 13. Dezember wird in Chile nicht nur über die Nachfolge von Präsidentin Michelle Bachelet abgestimmt, auch die Mitglieder des Senats und des Abgeordnetenhauses werden neu bestimmt. Unlängst machte der ehemalige christdemokratische Präsident und Kandidat des Regierungsbündnisses, der Concertación, Eduardo Frei (1994-2000) überraschend den Vorschlag einer Verfassungsreform. Das geltende Grundgesetz wurde im Jahr 1980 – auf dem Höhepunkt von Pinochets Terrorherrschaft – nach neoliberalen und antidemokratischen Vorgaben verfasst. »Man wollte uns über Jahre hinweg weismachen, dass das wirtschaftliche Modell das Wichtigste für ein Land sei«, sagte Frei zu der Initiative einer Verfassungsreform, die er sogar in sein Wahlprogramm aufnahm: »Aber ich sage Ihnen, das Wichtigste ist die Verfassung.«
Der Christdemokrat handelt jedoch nicht aus eigener Motivation. Die demokratischen und linken Kräfte in Chile drängen mit zunehmender Vehemenz auf eine neue Staatsordnung. Erst dann, so heißt es von dieser Seite, sei die Diktatur überwunden. Ende August kamen die Parteien des Regierungsbündnisses mit Vertretern der KP und der Partei Christliche Linke zusammen, um eine Demokratisierung des politischen Systems zu beraten. Die Initiative für einen strategischen Pakt aller demokratischen Kräfte habe die im März 2005 verstorbene Generalsekretärin der Kommunistischen Partei Chiles, Gladys Marín, bereits 1997 vorgeschlagen, erinnerte der KP-Vorsitzende Guillermo Teillier in einem Zeitungsinterview vor wenigen Tagen. Damals hätten die anderen Parteien den Vorschlag der Kommunisten abgelehnt. Dass ein erstes Sondierungsgespräch nun stattfand, erfreut Teillier: »Es ist das erste Mal, dass sich die Chance auf eine Überwindung der politischen Ausgrenzung bietet«, sagte er. Es wäre falsch, dies nicht zu nutzen.
Was dem Putsch folgte
11.9.1973: Blutiger Militärputsch und Tod Salvador Allendes; Bildung einer Junta unter General Augusto Pinochet.
25.11.1975: »Operación Cóndor« beschlossen. Vertreter Chiles, Argentiniens, Uruguays, Brasiliens, Paraguays und Boliviens (später auch Perus) verabreden, geplant und organisiert von Manuel Contreras Sepúlveda, Chef des chilenischen Geheimdienstes DINA, die »Operación Cóndor« als gemeinsame Aktion gegen »kommunistische Subversion« und zur »Verteidigung der christlichen Gesellschaft«. Bei den staatsterroristischen Aktionen gegen linke Oppositionelle werden in den folgenden Jahren schätzungsweise 50 000 Menschen ermordet, 400 000 inhaftiert, 350 000 »verschwinden«.
9.12.1975: Vereinte Nationen verurteilen Menschenrechtsverletzungen in Chile.
5.10.1988: Referendum über eine weitere Amtszeit Pinochets als Präsident: 54,6 Prozent Neinstimmen.
14.12.1989: Präsidentschafts- und Parlamentswahlen; Sieger ist der Christdemokrat Patricio Aylwin Azócar, Kandidat eines Parteienbündnisses.
8.2.1991: Wahrheits- und Versöhnungskommission legt Bericht über Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur vor.
13.11.1993: Ex-DINA-Chef Manuel Contreras Sepúlveda wird im Mordfall des früheren Außenministers Orlando Letelier zu sieben Jahren Haft verurteilt.
19.8.1998: Senat beschließt Abschaffung des Jahrestages des Militärputsches als Feiertag.
16.10.1998: Pinochet wird in London aufgrund eines internationalen Haftbefehls des spanischen Richters Baltasar Garzón wegen Menschenrechtsverletzungen festgenommen und unter Hausarrest gestellt.
2.3.2000: Pinochet kehrt nach über 16 Monaten aus London nach Chile zurück; britische Regierung hatte Auslieferungsgesuche u. a. Spaniens, Frankreichs und Belgiens abgelehnt.
1.12.2000: Einleitung eines formellen Strafverfahrens gegen Pinochet (wegen Entführung und Totschlags in 57 Fällen); am 11. 12. vom Berufungsgerichtshof verworfen.
7.1.2001: Präsident Ricardo Lagos legt Bericht über das Schicksal »verschwundener« Personen während der Diktatur vor (ca. 200 Fälle; Menschenrechtler nennen knapp 1200).
29.1.2001: Neuerliche Anklageerhebung gegen Pinochet (Hausarrest).
15.4.2003: DINA-Chef Contreras wird zu weiterer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt (im Mai 2004 weitere 15 Jahre Haft).
26.8.2004: Oberstes Gericht hebt Pinochets Immunität auf.
23.11.2005: Pinochet wird unter Hausarrest gestellt.
10.12.2006: Pinochet stirbt im Alter von 91 Jahren; es kommt zu Trauerbekundungen und Freudenfeiern mit teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen; Pinochet bekommt kein Staatsbegräbnis, wird aber mit militärischen Ehren beigesetzt.
30.6.2008: Contreras wird wegen der Ermordung des ehemaligen Heereschefs General Carlos Prats und seiner Frau im argentinischen Exil 1974 zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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