Die Übergabe der Demokratie an die Telekratie
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Großereignisse tendieren dazu, einander zu neutralisieren. Das ist der Schwebezustand einer Selbsterregungs-Gesellschaft, die alles, was geschieht, unter den Zwang stellt, Bisheriges zu übertreffen. Am Wochenende barg der Jackpot über zwanzig Millionen Euro, und das Kanzler-Duell hat stattgefunden. Die Ziehung der Lottozahlen und das große Los gezogen zu haben, Merkel und Steinmeier vis a vis zu erleben – was will der Zuschauer mehr?
Da sitzen eine Kanzlerin und der Vizekanzler jahrelang nebeneinander auf der Regierungsbank, aber plötzlich sprach die ARD vom »ersten Gefecht mit offenem Visier«. Russell Crowe, Hollywoods Gladiator, ließ grüßen. Aber es blieb nur deutscher Wahlkampf, und wohin dieser (und das öffentlich-rechtliche Fernsehen!) gekommen ist, verriet vor der Sendung eine TV-Werbespot-Frage von unsäglicher Wahrhaftigkeit: »Entscheidet dieses Duell die Wahl?«
Das ist sie, die vollzogene Übergabe der Demokratie an die Telekratie. Die sekundäre Welt Fernsehen zeigt Politikern täglich, wessen Angestellte sie sind. Wo suggeriert wird, ein Fernsehgespräch entscheide womöglich eine hohe Wahl, wird Demokratie light produziert. Politische Weichenstellungen dürfen aus wohnzimmerlichen Stimmungen heraus entstehen, und mählich erübrigt sich, was eine Demokratie ausmacht: weitverzweigt organisierte Meinungsbildung und programmatische Erkundungen in einer diskutierfreudigen Öffentlichkeit, bei denen Menschen unmittelbar zusammentreffen. Dem Mitspracherecht (dessen Teil das Wahlrecht ist) müsste eine Informationspflicht vorausgehen, die aber just der Hauptort des politischen Geschäfts, das Fernsehen, nicht leistet. Denn es ist ein Unterhaltungsgeschäft, das den Zuschauer ermuntert, vor allem dann einzuschalten, wenn er endlich mal, und zwar feierabendlich gründlich, abschalten möchte.
Da letztlich auch ein sogenanntes TV-Duell Teil solcher Logik bleibt, bestehen die geistig-kulturellen Folgen darin, dass Menschen nicht mehr wirklich wählen, sondern Quote machen – es ist dies der letzte Auftrag des Bürgers, der zum Konsumenten mutierte. Die Mediengesellschaft hat es geschafft, dass selbst noch Jene, die Zaungäste des sozialen, politischen Lebens wurden, ihr trauriges Schicksal beseelt uminterpretieren zum täglichen Endlosschleifen-Glück, TV-Zuschauer zu sein, also: doch beteiligt zu sein. Beteiligt zu sein an einer Freiheit von Sachverstand, bei der man sich die Unterhaltungssendung »TV-Duell« reinzieht – mit dem Gewinn, dass sie reichlich Material bietet für ziellose Unmutsäußerungen über die Hauptdarsteller, was als politische Meinungsbildung missverstanden werden darf. Der Preis, den dieser Denkersatz kostet, ist auf Dauer gewiss höher als jede Rundfunkgebühr.
Fernsehen als Droge: Du bist dabei, das wird doch alles für dich gemacht, du bist (einmal!) auf der sicheren Seite, dein Gefühl gilt. »So genossen«, schreibt der Frankfurter Philosoph Martin Seel, »bewirken die Mittel, die das Leben lindern und lockern sollen, das Gegenteil: Sie machen uns starr.«
Günter Gaus sprach 2002 von der Verdumpfung des gesellschaftlichen Zusammenwirkens von Wählern und Gewählten – dieses sei nurmehr eine »Schauveranstaltung«. Unter Wahrung der demokratischen Formen sei der Inhalt des politischen Systems gegen wechselnde Events ausgetauscht worden. »Heute soll das souveräne Wahlvolk unterhalten werden; geübte Wahlkampfanimateure haben daraus die Lehre gezogen: Zer-streut es.«
Schneller als gedacht, so vermutete Gaus als einer der versiertesten Kenner und Mahner des Betriebes, »wird die Verflachung der Politik in den Massenmedien ein bisschen amüsieren, schließlich langweilen und abstumpfen – und in jedem Falle das gleiche und allgemeine Wahlrecht aushöhlen.« Wird? Bereits 1984 bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik hatte er prophezeit: »Das Fernsehen wird allmählich einen nicht geringeren Wandel unserer politischen Kultur bewirken, als es das Abschaffen des Dreiklassen-Wahlrechts und die Einführung des Frauenstimmrechts getan haben (…) Das Fernsehen, mit dem sich die Aufklärung zu vollenden scheint, trägt zum Ende der Aufklärung bei.«
Die medialen Kombinationen aus Entertainment und jener Selbsttäuschung, es werde Öffentlichkeit hergestellt, wo doch bloß auf Oberflächen langgebohnert wird – sie schaffen eine Bewegtheit, die alles zur Sprache bringt, ohne etwas zu sagen; die alles umfassen kann, weil sie nichts wirklich erfassen muss. Wir kennen das, wir haben uns daran gewöhnt, das Fernsehen wurde zur Leitkultur der groben Verknüpfungen. Dritte Welt und Formel eins. Sektenmord und Sektreklame. Die Schönen und die Reichen und all die Leichen. Kärrner Bisky und Kerner Johannes. Merkels Geschick, als Sozialdemokratin aufzutreten, und Steinmeiers Ungeschick, als Sozialdemokrat gelten zu wollen. Und, und, und.
Dieses »und«, so schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk, sei die Moral der Medienarbeiter. Die gleichsam einen Berufseid darauf ablegen, damit einverstanden zu sein, dass ihr jeweiliger Beitrag ein Stein im bunten Mosaik ist, nicht mehr. Eine Sache sei eine Sache, und mehr lasse das Medium nicht zu. Zusammenhänge zwischen »Sachen« herzustellen, das bedeutet ja Ideologie betreiben. »Darum: Wer Zusammenhänge herstellt, lebt in diesem Medium gefährlich. Wer bis drei zählt, ist ein Fantast. Ein Journalist ist inzwischen jemand, der von Berufs wegen gezwungen wird zu vergessen, wie die Zahl heißt, die nach eins und zwei kommt.« Wir leben im Dilemma einer ständigen Zerfransung aller Gegenstände ins griffig Verspielte, Gewitzte, künstlich spannend Gemachte, isoliert Bleibende. Letztlich muss auch ein TV-Duell diesem Prinzip folgen – inklusive jener auch gestern zu erlebenden Anschluss-Runde der Plauderer, angetan mit dem Clownskostüm von Analytikern.
Politiker bilden die überforderte, aber standhaft repräsentative Statisterie eines Systems, das ganz oben weit entfernt ist von jenem Demokratieverständnis eines Abraham Lincoln, der noch hoffen konnte, im »Vermögen der Lenker vereinige sich besseres Wissen mit bestem Charakter«. Nein, Politiker gehen an der Erfahrung ihrer Hilflosigkeit zugrunde. Alle Politik windet sich im Widerspruch zwischen globaler Anforderung und jenem damit verbundenen nationalen Stress, Gemeinschaftsinteressen und Individualrechte, Solidaritätspflicht und Konkurrenzlust zusammenzuführen. Nur wer diesen Widerspruch nicht wirklich leidend begreift, kann überhaupt noch Mut fassen, sich überhaupt wählen zu lassen. Nur wer eine hartnäckige Unfähigkeit zur Verzweiflung hat, besitzt Voraussetzungen, sich legitimiert zu fühlen. Das Fernsehen, in seiner großen Not und gleichzeitig großen Gabe, alles und jeden zum Erlebnis hochzulügen, durchzupeitschen, ist daher die große Chance, ist die letzte Psycho-Troststation des tief erbleichten Politikerstandes.
Dass Angela Merkel jedes weitere TV-Gespräch mit Spitzenpolitikern vor dem Wahltag abgelehnt hat, muss angesichts dessen als Charakterzeichen betrachtet werden. Wir sind so weit gelangt, dass dieses Wahl-Versprechen höher bewertet werden darf als jedes Wort zu anderer Sache.
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